Wollt ihr wehrhaft werden oder lieber sterben?

Am Mittwoch bin ich im Training gestorben.

Mehrfach.

Gino ist Anfang 20, Feuerwehrmann, topfit und Kickboxer. Joachim aus unserem Team trainiert und begleitet ihn schon seit vielen Jahren. Seit Gino ungefähr 17 ist, besucht er uns daher regelmäßig im Training.

Und wenn er da ist, freue ich mich.

Unter anderem auf hartes Sparring.

Am Mittwoch habe ich mit ihm die Verteidigung gegen einen Messerangriff trainiert. Einen sogenannten Icepick. Ein Angriff, bei dem das Messer von oben geführt wird.

Ginos Aufgabe war einfach.

Angreifen.

Nicht mitspielen. Nicht nach meinem ersten Verteidigungsversuch stehen bleiben. Nicht darauf warten, dass ich meine Lösung zu Ende bringe.

Sondern weiter angreifen.

So lange, bis ich seinen Waffenarm oder ihn kontrollieren konnte.

Ich bin dabei unzählige Tode gestorben.

Besonders interessant waren für mich die Angriffe mit links. Ungewohnt, andere Dynamik, andere Winkel.

Bei einigen dieser Angriffe hätte mir ein echtes Messer vermutlich die Halsschlagader aufgeschnitten.

Das ist eine wichtige Erfahrung.

Und eine demütigende.

Ich trainiere Selbstverteidigung seit Jahrzehnten. Ich habe solche Bewegungen tausendfach ausgeführt. Ich unterrichte sie. Ich zeige sie regelmäßig.

Trotzdem bin ich gescheitert.

Immer wieder.

Das Messer interessiert sich nicht dafür, wie lange ich trainiere.

Der Angreifer interessiert sich nicht dafür, wie oft ich einen Bewegungsablauf wiederholt habe.

Und die Realität wartet nicht darauf, dass ich meine Technik sauber zu Ende bringe.

Genau deshalb brauchen wir Demut in der Selbstverteidigung.

Je länger ich trainiere, desto weniger glaube ich an Garantien.

Vorführen ist keine Garantie.

Technik ist keine Garantie.

Erfahrung ist keine Garantie.

Training ist keine Garantie.

Jeder Angriff ist anders. Im Training und in der Realität.

Vorführen ist zunächst Choreographie. Auch für mich als Trainer ist es eine Wiederholung von Bewegungsabläufen. Das hat seinen Zweck. Menschen müssen Bewegungen sehen, verstehen und zunächst unter kontrollierten Bedingungen lernen.

Aber es fehlt etwas.

Dynamik.

Intensität.

Unsicherheit.

Widerstand.

Aggression im Sinne von Entschlossenheit.

Ein Mensch, der einfach weitermacht.

Deshalb muss auch ich mich immer wieder bewusst Situationen aussetzen, in denen meine Lösung nicht automatisch funktioniert.

Gutes Selbstverteidigungstraining muss mich scheitern lassen.

Denn wenn ich im Training niemals scheitere, sollte ich mich irgendwann fragen, ob mein Training überhaupt zielführend ist.

Wir beschäftigen uns in unserer Trainingsgruppe seit mehr als drei Monaten nur mit diesem einen Messerangriff.

Nicht mit zwanzig verschiedenen Messerabwehrtechniken.

Wir trainieren nur diesen einen Angriff.

Immer wieder.

Weil Fehler passieren.

Weil Bewegungsabläufe unter Druck zusammenbrechen.

Weil Wiederholungen fehlen.

Weil Wissen noch lange keine Fähigkeit ist.

Und weil ein Messer zu den gefährlichsten Gegenständen gehört, mit denen wir in einer gewalttätigen Auseinandersetzung konfrontiert werden können.

Ein Messer ist ein allgegenwärtiger, stets verfügbarer Alltagsgegenstand.

Ein Werkzeug.

Es kann gebraucht werden.

Und es kann missbraucht werden.

Dann kann es innerhalb von Sekunden schwere oder tödliche Verletzungen verursachen.

Dagegen gibt es keine Zaubertechnik.

Keine todsichere Messerabwehr.

Kein Allheilmittel.

Das ist wohl keine besonders anziehende Botschaft.

Menschen hören lieber, dass es eine Lösung für alles gibt.

Sie hören lieber, dass sie nach ein paar Stunden wissen, was zu tun ist.

Und natürlich lässt sich ein Seminar besser verkaufen, wenn am Ende das Gefühl entsteht, man könne sich nun gegen einen echten Messerangriff verteidigen.

Ein mehrstündiges „Messer-Seminar“ kann sinnvoll sein.

Es kann sensibilisieren.

Es kann Gefahren verdeutlichen.

Es kann grundlegende Prinzipien vermitteln.

Es kann Menschen erste Erfahrungen ermöglichen.

Aber es kann keine Wehrhaftigkeit erzeugen, die regelmäßiges und intensives Training ersetzt.

Wer nach ein paar Stunden mit dem Gefühl nach Hause geht, einen entschlossenen Messerangriff nun sicher beherrschen zu können, hat möglicherweise nicht mehr Sicherheit gewonnen.

Sondern nur eine falsche Sicherheit.

Und diese kann gefährlicher sein als das Wissen um die eigene Verletzlichkeit.

Demut bedeutet für mich deshalb nicht, mich meiner Wehrlosigkeit zu ergeben.

Ganz im Gegenteil.

Sie bedeutet, die Gefahr ernst zu nehmen.

Meine eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen.

Meine Fehler zu erkennen.

Zu scheitern.

Daraus zu lernen.

Und wieder zu trainieren.

Wehrhaftigkeit ist kein Zustand, den ich irgendwann erreiche.

Ich werde nicht wehrhaft und bin fertig mit dem Training.

Wehrhaftigkeit muss immer wieder erarbeitet werden.

Auch nach Jahrzehnten.

Auch als Trainer.

Auch nach tausenden Wiederholungen.

Am Mittwoch hat Gino mich daran erinnert.

Ziemlich eindrücklich.

Ich kann euch nicht versprechen, dass ihr durch Training einen Messerangriff überlebt.

Wer euch das verspricht, verkauft euch eine Illusion.

Ich kann nur versuchen, meine Chancen zu verbessern.

Und weiter wehrhafter zu werden.

Denn eine Lebensversicherung kann das beste Selbstverteidigungstraining niemals sein.

Also, wollt ihr wehrhaft werden oder lieber sterben?

Ich freu mich auf jeden Tag, weil ich es kann

Ich freu mich auf jeden Tag.

Nicht, weil jeder Tag schön wird.

Nicht, weil immer alles glatt läuft.

Es gibt schlechte Tage.

Voller Ärger.

Sorgen.

Enttäuschungen.

Schmerzen.

Niederlagen.

Ungewissheit.

Trotzdem birgt der nächste Morgen einen neuen Anfang.

Und jeder neue Tag schenkt mir mehr Zeit.

Für Menschen.

Für Gedanken.

Für Ideen.

Für Erfahrungen.

Für Fehler.

Für Veränderungen.

Zeit fürs Leben.

Lebenszeit.

Wie der neue Tag wird, weiß ich nicht.

Vielleicht wird er großartig.

Vielleicht wird er beschissen.

Vielleicht einfach nur ganz gewöhnlich.

Aber er ist da.

Und ich auch.

Ich freu mich auf jeden Tag.

Weil ich es kann.

Feinde müsst ihr sein. Freunde dürft ihr bleiben.

Trainierende – Freund und Feind zugleich.

Ihr lernt miteinander.

Ihr lernt voneinander.

Und ihr tragt Verantwortung füreinander.

Als Freunde unterstützt ihr euch.

Als Feinde fordert ihr euch.

Ein guter Trainingspartner unterstützt euch nicht dabei, erfolgreich zu sein, sondern zu scheitern.

Damit hilft er euch, besser zu werden.

Er muss angreifen.

Richtig.

Konsequent.

Intensiv.

Mit Druck.

Ohne zielgerichteten Angriff keine funktionale Abwehr.

Ein Griff muss ein Griff sein.

Eine Umklammerung eine Umklammerung.

Ein Würger ein Würger.

Ein Schlag ein Schlag.

Ein Tritt ein Tritt.

Widerstand, der verschwindet, sobald ihr euch verteidigt, fordert euch nicht heraus.

Wer nur mitspielt, hilft seinem Trainingspartner nicht.

Im Training fordere ich deshalb häufig:

Ihr wollt euren Trainingspartner wiedersehen.

Also greift ihn jetzt richtig an.

So bereitet ihr ihn besser auf den Ernstfall vor.

Das bedeutet nicht, rücksichtslos zu trainieren.

Im Gegenteil.

Ein guter Feind braucht Kontrolle.

Er muss einschätzen können, wie viel Kraft, Geschwindigkeit, Widerstand und Druck sein Trainingspartner verträgt.

Er muss attackieren, ohne unnötig zu gefährden.

Das kann man lernen.

Regelmäßig Trainierende sind deshalb häufig die besseren Feinde.

Sie sind ruhiger.

Sie sind kontrollierter.

Sie können Intensität besser dosieren.

Und sie sind häufig auch die besseren Freunde.

Denn sie übernehmen Verantwortung für ihr Gegenüber.

Regelmäßiges Training verbessert deshalb nicht nur eure Fähigkeit, euch selbst zu verteidigen.

Es verbessert auch eure Fähigkeit, anderen gutes Training zu ermöglichen.

Jeder Trainierende bringt unterschiedliche Trainingsreize mit.

In kleinen, möglichst homogenen Gruppen lässt sich sehr fokussiert trainieren.

Ähnliche Voraussetzungen ermöglichen angepasste Intensität, individuelle Entwicklung und unmittelbare Korrektur.

Größere, heterogene Gruppen bieten etwas anderes.

Vielfalt.

Homogenität ermöglicht gezieltes Lernen.

Heterogenität schafft ungewohnte Herausforderungen.

Ein guter Trainierender lernt und lässt lernen.

Der Trainingspartner muss zum Trainingsziel passen.

Trainierende trainieren Trainierende.

Als Freunde.

Und als Feinde.

Feinde müsst ihr sein. Im Training.

Freunde dürft ihr bleiben. Im Leben.

Trainer trainieren Trainierende. Trainierende trainieren Trainer.

Trainer vermitteln Wissen, schaffen Lernräume, stellen Aufgaben, beobachten, korrigieren und setzen neue Reize. Sie bringen eigene Erfahrung mit und helfen anderen Menschen dabei, neue Fähigkeiten zu entwickeln.

Aber Training funktioniert auch in die andere Richtung.

Trainierende trainieren Trainer.

Zumindest dann, wenn der Trainer offen dafür ist, sich und sein Können zu reflektieren.

Menschen sind nicht standardisiert

Menschen sind individuell verschieden.

Sie unterscheiden sich in Größe, Gewicht, Kraft und Beweglichkeit. Sie lernen unterschiedlich schnell, nehmen Situationen unterschiedlich wahr und reagieren unter Belastung unterschiedlich. Sie bringen unterschiedliche Erfahrungen, Ängste, Fähigkeiten und Grenzen mit.

Gerade in der Selbstverteidigung ist das entscheidend. Eine Technik kann für einen selbst auf der Matte hervorragend funktionieren und bei einem anderen Menschen an ihre Grenzen kommen oder im konkreten Fall sogar scheitern.

Dann wird es interessant.

Der Trainer kann feststellen, dass der Trainierende die Technik nicht richtig ausführt.

Oder er kann sich fragen:

Warum funktioniert das, was ich vermittle, bei diesem Menschen nicht?

Die erste Frage kann vollkommen berechtigt sein.

Die zweite darf trotzdem nicht fehlen.

Wenn es nicht funktioniert, beginnt die Entwicklung

Talentierte Trainierende machen es Trainern manchmal erstaunlich einfach.

Sie beobachten eine Bewegung, probieren sie aus und können sie umsetzen. Vielleicht bringen sie bereits Erfahrung, gute körperliche Voraussetzungen oder eine schnelle Auffassungsgabe mit.

Alles funktioniert.

Schwieriger und gleichzeitig wertvoller für die eigene Entwicklung sind die Trainierenden, bei denen genau das nicht passiert.

Diejenigen, die eine Bewegung nicht einfach übernehmen können. Die anders reagieren als erwartet. Die für ein vermeintlich einfaches Problem keine der vorgesehenen Lösungen umsetzen können.

Genau sie stellen unsere Methodik auf die Probe.

Besonders viel lernen wir von den Trainierenden, bei denen unsere bisherigen Antworten nicht funktionieren.

Vielleicht war unsere Erklärung schlecht.

Vielleicht war die Übung ungeeignet.

Vielleicht gingen wir von körperlichen Voraussetzungen aus, die dieser Mensch nicht besitzt.

Vielleicht funktioniert diese Technik im Training nur deshalb so zuverlässig, weil die anderen Trainierenden mitspielen.

Vielleicht haben wir selbst etwas übersehen.

Und vielleicht müssen wir akzeptieren, dass eine Methode, von der wir lange überzeugt waren, nicht so universell funktioniert, wie wir gedacht haben.

Das kann unangenehm sein.

Es ist aber Teil der methodischen Weiterentwicklung unseres Trainings.

Kein System ist absolut

Problematisch wird es, wenn Trainer aufhören, sich selbst zu hinterfragen.

Mit wachsender Erfahrung entsteht leicht Gewissheit. Man hat unzählige Trainingsstunden absolviert, Seminare besucht und vielleicht selbst seit vielen Jahren unterrichtet. Die eigene Methodik hat sich etabliert. Die Antworten auf alle Fragen scheinen vorhanden.

Irgendwann kann aus Erfahrung Gewissheit werden.

Und aus Gewissheit Absolutheit.

„Nur unser System funktioniert.“

Damit verändert sich der Blick. Die Entwicklung steht still.

Was vorher eine interessante Abweichung war, wird zum Fehler des Trainierenden. Was nicht in die eigene Methode passt, wird passend gemacht, abgewertet oder ignoriert.

Das System wird nicht mehr am Trainierenden überprüft.

Der Trainierende wird am System gemessen.

In der Selbstverteidigung ist das der falsche Weg.

Denn die Realität interessiert sich nicht dafür, wie lange jemand trainiert hat, welche Gürtelfarbe jemand trägt oder wie sein System heißt.

Sie interessiert sich auch nicht dafür, wie eine Technik eigentlich funktionieren sollte.

Erfahrung ist kein Endpunkt

Erfahrung allein garantiert keine Entwicklung.

Zwanzig Jahre Training können zwanzig Jahre Entwicklung bedeuten.

Sie können aber auch bedeuten, dass jemand ein Jahr Erfahrung zwanzigmal wiederholt hat.

Deshalb gehört zum Trainersein mehr als das Vermitteln dessen, was man bereits weiß.

Andere Ansätze beobachten. Fragen stellen. Eigene Überzeugungen überprüfen. Neue Erkenntnisse aufnehmen. Dinge ausprobieren. Verwerfen. Verändern.

Und vor allem:

die Trainierenden beobachten.

Denn jeder Trainierende liefert Informationen darüber, was unser Training tatsächlich bewirkt.

Nicht theoretisch.

Nicht innerhalb unseres Systems.

Sondern bei echten Menschen.

Trainer trainieren Trainierende. Trainierende trainieren Trainer.

Selbstverteidigungstraining ist keine Einbahnstraße.

Der Trainer setzt einen Reiz. Der Trainierende reagiert darauf. Diese Reaktion liefert neue Erkenntnisse. Ein guter Trainer nimmt sie wahr und verändert, wenn nötig, Aufgabe, Erklärung, Intensität oder Methode.

So entwickelt sich der Trainierende.

Und so entwickelt sich auch der Trainer weiter.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Fähigkeiten eines Trainers:

nicht nur Antworten zu geben, sondern zu erkennen, wann die eigenen Antworten nicht mehr ausreichen.

Denn ein Trainer, der aufgehört hat zu lernen, kann weiterhin unterrichten.

Er entwickelt sich nur nicht mehr weiter.

Und ein Selbstverteidigungssystem, das sich nicht weiterentwickelt und als absolut dargestellt wird, verteidigt am Ende nur noch sich selbst.

Der Körper spricht

Vor dem ersten Wort spricht der Körper.

Wir teilen uns ständig mit.

Mit unserer Haltung.
Mit unserem Blick.
Mit unserer Gestik.
Mit unserer Mimik.
Mit unserer Atmung.
Mit jeder Bewegung.

Andere Menschen nehmen diese Signale wahr.

Meist bevor wir es selbst realisieren.

Sie erkennen Unsicherheit.
Selbstvertrauen.
Anspannung.
Offenheit.
Ablehnung.
Zuwendung.

Auch Menschen mit schlechten Absichten lesen unsere Körpersprache.

Und reagieren darauf.

Wer Körpersprache versteht, erkennt Entwicklungen häufig früher.

Und wer den eigenen Körper besser versteht, kann bewusst Signale senden.

Körpersprache ist kein Talent.

Wie jede Sprache kann man sie lernen zu lesen und zu sprechen.

Denn selbstbewusste Körpersprache ist Selbstverteidigung.

Kontrollzentrum Kopf

Der Kopf ist das Kontrollzentrum deines Körpers.

Darin entstehen deine Gedanken.

Darin fallen deine Entscheidungen.

Darin beginnt jedes Handeln.

Wer seinen eigenen Kopf nicht kontrolliert, wird leichter von seinen Emotionen beherrscht.

Von Angst.

Von Wut.

Von Unsicherheit.

Von Stress.

Deshalb beginnt Selbstschutz im Kopf.

Es gibt einen Satz, den ich im Training oft wiederhole:

Wo der Kopf hingeht, geht der Körper hin.

Wer den Kopf bewegt, verändert Balance, Haltung und Bewegung des gesamten Körpers.

Der Kopf führt.

Der Körper folgt.

Dieses Prinzip begegnet uns ständig.

Im Alltag.

Im Sport.

Und natürlich auch in der Selbstverteidigung.

Der Kopf ist aber nicht nur das Kontrollzentrum unseres Körpers.

Er entscheidet auch darüber, ob wir uns von anderen kontrollieren lassen.

Menschen versuchen täglich, Einfluss auf die Gedanken anderer zu nehmen.

Durch Bewertung.

Durch Abwertung.

Durch Angst.

Durch Druck.

Durch Schuldgefühle.

Durch Einschüchterung.

Durch Manipulation.

Wer seine Gedanken selbstbewusst steuert, bleibt schwerer beeinflussbar.

Selbstbewusstsein und Resilienz entstehen nicht einfach so.

Sie wachsen mit Erfahrung.

Mit Training.

Mit bewussten Entscheidungen.

Der Kopf hat jedoch noch eine weitere Bedeutung.

Er ist der empfindlichste Teil unseres Körpers.

Deshalb lernen wir im Training, ihn zu schützen.

Und wir lernen zu verstehen, welche besondere Bedeutung der Kopf in einer körperlichen Auseinandersetzung besitzt.

Nicht um Gewalt zu suchen.

Sondern um Gewalt zu überstehen.

Selbst Schmerzen existieren nur im Kopf.

Erst unser Gehirn entscheidet, wie wir sie wahrnehmen und mit ihnen umgehen.

Wir trainieren eben nicht nur unseren Körper.

Wir trainieren unter Belastung.

Wir trainieren unter Stress.

Wir trainieren mit Schmerz.

Wir trainieren durch Abhärtung.

Wir trainieren Wahrnehmung.

Wir trainieren Haltung.

Wir trainieren Resilienz.

Unser Training fördert deine Fähigkeit zu handeln, zu entscheiden und Widerstand zu leisten.

Denn am Ende entscheidet nicht nur deine Kraft.

Sondern vor allem dein Kopf.

Training wirkt.

Jedes Training wirkt.

Nicht irgendwann.

Sondern von Beginn an.

Vielleicht nimmst du es zuerst nicht wirklich wahr.

Du stehst aufrechter.

Du gehst sicherer.

Du atmest ruhiger.

Du beobachtest aufmerksamer.

Du lebst bewusster.

Mit jeder Trainingseinheit veränderst du dich.

Du stärkst nicht nur deinen Körper.

Der gewöhnt sich an Anstrengung.

Sondern auch deinen Kopf.

Der entscheidet, ob du zum Training gehst.

Du lernst, unter Druck Entscheidungen zu treffen.

Du lernst, Unsicherheit auszuhalten und trotzdem weiterzumachen.

Du erfährst, dass ein Fehler nicht das Ende, sondern der Anfang von Entwicklung ist.

Viele glauben, Selbstverteidigung beginne erst in dem Moment, in dem jemand angreift.

Das stimmt nicht.

Sie beginnt viel früher.

Im Training.

Dort entstehen die Automatismen, auf die du unter Stress zurückgreifst.

Nicht nur bei Gefahr.

Sondern auch im Alltag.

Du wirst bewusster.

Du erkennst früher.

Du bleibst ruhiger.

Du wirkst sicherer.

Andere Menschen nehmen wahr, wie du auftrittst.

Deine Außenwirkung verändert sich.

Genau deshalb verändert jedes Training Körper und Geist.

Nicht, weil es dich unbesiegbar macht.

Sondern weil es dir eben auch deine Verletzlichkeit zeigt.

Weil es dich Demut lehrt.

Und weil es dich trotzdem handlungsfähig werden lässt.

Jede Einheit wirkt.

Jede Wiederholung wirkt.

Jede Entscheidung, zum Training zu gehen, wirkt positiv.

Jede Entscheidung, nicht zu gehen, wirkt negativ.

Denn Training wirkt immer.

Ob du trainierst.

Oder nicht.

Dein Körper lügt nicht.

Dein Körper akzeptiert keine Ausreden.

Er lernt durch Wiederholungen.

Jede Bewegung, die du tausendmal trainierst, hinterlässt eine motorische Erinnerung.
Aus wiederholten Techniken werden Automatismen.
Aus Unsicherheit wird Handlungsfähigkeit.
Aus Nachdenken wird Reaktion.

Das nennt man Muskelgedächtnis.

Im Ernstfall denkt dein Körper nicht nach.
Er greift auf das zurück, was du ihm beigebracht hast.

Nicht auf das, was du gerne können würdest.

Sondern auf das, was du wirklich trainiert hast.

Deshalb entscheidet nicht der Tag des Angriffs über deine Reaktion.

Sondern die Tage, Wochen und Jahre davor.

Wer regelmäßig trainiert, reagiert oft schneller.
Bewegt sich meist besser.
Bleibt eher handlungsfähig.
Ist vorbereitet.

Viele Menschen hoffen, im Notfall über sich hinauszuwachsen.

Doch dein Körper lügt nicht.

Er ist der Spiegel deines Fleißes.

Unter Stress erfüllen wir selten unsere eigenen Erwartungen.

Die Realität offenbart die Wirkung unseres Trainings.

Sie verzeiht keine Ausreden.
Sie zeigt dir nur die Konsequenzen.

Bequemlichkeit ist keine Tat, sondern schlechter Rat

Bequemlichkeit fühlt sich angenehm an.

Sie spart Zeit.
Sie spart Kraft.
Sie spart Überwindung.

Deshalb mögen wir es einfach bequem.

Ich selbst bin monatelang nicht mehr in mein Lieblings-Fitnessstudio gegangen. Nicht, weil das Training dort schlecht gewesen wäre. Im Gegenteil, das Clays in Zehlendorf gehört für mich zu den schönsten Studios in Berlin.

Der Weg war mir einfach zu weit geworden.

Heute trainiere ich wieder regelmäßig. Mindestens drei Mal pro Woche. Manche Woche werden es sogar sechs oder sieben Einheiten.

Nicht weil ich motivierter geworden bin.

Sondern weil „mein“ neues Studio nur wenige Minuten von meinem Zuhause entfernt ist.

Manchmal entscheidet nicht der Wille über unser Handeln.

Sondern die Distanz.

Oder besser gesagt: unsere Wahrnehmung von Entfernung.

Beim Fitnesstraining zeigen sich die Folgen von Bequemlichkeit oft erst einige Jahre später.

Es gibt viele gute Studios. Wenn eines zu weit entfernt ist, findet sich meist ein anderes mit vergleichbarer Qualität und Ausstattung.

In der Selbstverteidigung sieht das ganz anders aus.

Realistisches Selbstverteidigungstraining findet man nur selten.

Sehr selten sogar.

Viele Angebote vermitteln Techniken.

Manche vermitteln Sport.

Einige vermitteln Show.

Nur wenige bereiten Menschen auf den Moment vor, in dem Angst, Stress und Gewalt jede Theorie verdrängen.

Deshalb lohnt sich auch ein weiterer Weg.

Eine Stunde mehr Fahrtzeit pro Woche ist kein Verlust.

Sie ist eine Investition.

Fitnesstraining verbessert deine Gesundheit.

Selbstverteidigung kann darüber entscheiden, ob du nach einer Gewalttat überhaupt noch gesund nach Hause gehst.

Deshalb sollte Bequemlichkeit niemals entscheiden, wo du Selbstverteidigung lernst.

Ein kurzer Weg ist angenehm.

Ein empathischer Trainer ist essenziell.

Ein realistisches Training ist ausschlaggebend.

Und deine Sicherheit sollte dir wichtiger sein als deine Bequemlichkeit.

Bequemlichkeit existiert nur im Kopf.

Nicht die Entfernung hält uns auf.

Sondern die Hürden, die wir uns wegen der Entfernung einreden.

Der kürzeste Weg ist deshalb nicht immer der beste.

Manchmal führt eben nur der längere Weg sicher ans Ziel.

Das Gift: Faulheit

Faulheit ist dein leiser Gegner.

Sie schreit nicht.

Sie bedroht dich nicht.

Sie greift dich nicht an.

Sie ist in dir und flüstert dir zu:

Heute mache ich mal eine Pause.

Morgen fange ich dann richtig an.

Ein Training weniger ist egal.

Genau darin liegt die Gefahr.

Faulheit wirkt nicht wie ein Schlag.

Sie wirkt wie ein Gift.

Langsam.

Unbemerkt.

Tag für Tag.

Denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

Ich kenne dieses Gift selbst gut.

Fast zehn Monate lang habe ich mein eigenes Fitnesstraining stark vernachlässigt. Natürlich war ich weiterhin auf der Matte. Ich habe unterrichtet, trainiert und Sparring gemacht.

Aber meine körperliche Fitness war offensichtlich schlechter geworden.

Auf der Matte hat mich vor allem meine Routine gerettet.

Der Körper funktionierte noch.

Die Techniken funktionierten noch.

Die Erfahrung war noch vorhanden.

Doch das Fundament fehlte.

Meine Belastbarkeit sank.

Mein Wohlbefinden verschlechterte sich. Geistig und körperlich.

Und ich musste feststellen:

Ich hatte mich an diese Bequemlichkeit gewöhnt.

Schaut euch das Bild zu diesem Beitrag an. Das bin ich. Kein perfekter Trainer, sondern ein Mensch, der beschlossen hat, den bequemen Weg wieder zu verlassen.

Diese Erkenntnis kam mir ausgerechnet in der Sauna.

Während ich schwitzte, entstand plötzlich ein Bild in meinem Kopf.

Ich schwitze gerade das Gift aus.

Das Gift, das Faulheit heißt.

Es infiziert nahezu alle Bereiche des Lebens.

Wer dauerhaft den einfachsten Weg sucht, verliert langsam die Fähigkeit, unbequeme Wege überhaupt noch zu gehen.

Selbstverteidigungstraining darf niemals bequem sein.

Denn die Realität ist im Notfall äußerst unbequem.

Eine kritische Situation fragt dich nicht, ob du heute willst.

Sie fragt auch nicht, ob du gestern trainiert hast.

Sie verlangt Leistung.

Sofort.

Deshalb muss man sich regelmäßig daran erinnern, dass Anstrengung nichts Negatives ist.

Anstrengung ist Training.

Anstrengung ist Entwicklung.

Anstrengung ist Leben.

Das gilt übrigens auch im klassischen Kampfsport.

Nach einer längeren Trainingspause müssen viele Wettkämpfer zunächst wieder Gewicht reduzieren und sich selbst disziplinieren.

Nicht, weil sie es nicht könnten.

Sondern weil sie sich erst wieder daran gewöhnen müssen, sich zu quälen.

Genau darin steckt eine wichtige Wahrheit.

Leistung beginnt oft dort, wo Bequemlichkeit endet.

Nach einer faulen Phase muss man nicht nur Muskeln aufbauen.

Man muss vor allem die richtige Mentalität und notwendige Disziplin zurückgewinnen.

Die Bereitschaft, wieder freiwillig das Unangenehme zu wählen.

Jede Trainingseinheit ist deshalb mehr als Bewegung.

Sie ist eine Entscheidung.

Eine Entscheidung gegen Bequemlichkeit.

Eine Entscheidung gegen Stillstand.

Eine Entscheidung gegen das Gift.

Der erste Gegner sitzt deshalb oft nicht vor uns.

Er sitzt in uns.

Nur dein Fleiß besiegt deine Faulheit.

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner