Demut vor Hochmut

Du kannst schlauer.

Stärker.

Schneller.

Besser trainiert sein.

Und trotzdem kannst du verlieren.

Hochmut kommt vor dem Fall.

Vielleicht ist dein Gegenüber stärker, als du vermutest.

Vielleicht hat er eine Waffe.

Vielleicht ist er nicht allein.

Vielleicht überschätzt du einfach deine Fähigkeiten.

Demut bedeutet nicht, dich kleiner zu machen, als du bist.

Sondern dich nicht größer zu machen, als du bist.

Du musst niemandem etwas beweisen.

Du musst nicht auf jede Provokation reagieren.

Du musst dich nicht auf jeden Konflikt einlassen.

Und du musst dich schon gar nicht auf eine körperliche Auseinandersetzung einlassen.

Im zivilen Selbstschutz geht es nicht darum, überlegen zu sein.

Es geht ausschließlich um Schadensminimierung.

Manchmal bedeutet das, sich zu wehren.

Manchmal nachzugeben.

Manchmal wegzugehen.

Und manchmal schlicht nichts zu machen.

Das ist keine Schwäche.

Sondern deine Entscheidung.

Wer sich selbst überschätzt, riskiert mehr als notwendig.

Mehr Demut. Weniger Risiko.

Wage mehr Demut!

Wut verliert

Wut ist ein starkes Gefühl.

Wut kann dich beherrschen.

Und Wut kann dich blind machen.

Das kann im Notfall verdammt gefährlich werden.

Wenn du wütend bist, unterwirfst du dich vielleicht nur noch diesem Gefühl.

Du willst Rache.

Du suchst den Kampf.

Vielleicht willst du deinem Gegenüber dann wehtun.

Deine Wut ist allerdings keine erfolgversprechende Strategie.

Und schon gar kein Selbstverteidigungskonzept.

Wer wütend wird, riskiert, den Überblick zu verlieren.

Die Wahrnehmung verengt sich.

Entscheidungen werden impulsiver.

Aus einem Konflikt, den du vielleicht hättest vermeiden können, wird plötzlich eine körperliche Auseinandersetzung.

Und aus einer körperlichen Auseinandersetzung möglicherweise ein Kampf ums Überleben.

Nur weil deine Emotionen dein Handeln bestimmen.

Dabei ist es vollkommen egal, ob deine Wut berechtigt ist.

Natürlich darfst du wütend werden.

Wenn jemand dich bedroht.

Wenn jemand Opfer sucht.

Wenn jemand deinem Kind etwas tun will.

Aber deine Wut darf nicht dein Handeln bestimmen.

Dein Ziel entscheidet. Nicht deine Emotion.

Und das Ziel im zivilen Selbstschutz ist immer, einen Notfall möglichst unbeschadet zu überstehen.

Indem du eine gefährliche Situation möglichst schnell verlässt.

Manchmal bedeutet das, einfach nachzugeben.

Manchmal bedeutet es, schnell wegzulaufen.

Manchmal bedeutet es, dich mit aller notwendigen Konsequenz zu wehren.

Wut jedoch kann dich dazu bewegen, weiterzumachen, obwohl du längst flüchten könntest.

Vielleicht willst du deinem Gegenüber noch eine Lektion erteilen.

Du verlängerst damit eine ohnehin brenzlige Situation.

Und riskierst dabei deine Gesundheit oder sogar dein Leben.

Selbstverteidigung ist keine Bestrafung.

Es geht nicht darum, Recht zu behalten.

Es geht nicht darum, Überlegenheit zu demonstrieren.

Und es geht schon gar nicht darum, deine Wut herauszulassen.

Dafür trainieren wir nicht.

Wir trainieren, um auch unter enormem Stress weiterhin handlungsfähig zu bleiben.

Um tatsächlich wahrzunehmen, was um uns herum geschieht.

Um zu entscheiden, wie wir am ehesten unbeschadet und schnell aus der Gefahrensituation kommen.

Dazu entwickeln wir im Training Automatismen.

Handlungen, die wir so oft trainiert haben, dass wir sie reflexartig abrufen können.

Kalte, emotionslose Automatismen.

Denn im Notfall benötigen wir vor allem einen klaren Kopf.

Selbst die beste Technik nützt uns wenig, wenn wir vor lauter Emotionen gar nicht mehr erkennen, wann wir sie einsetzen sollten.

Angst, Wut und andere Emotionen gehören zum Menschsein.

Wir können unsere Empfindungen nicht verhindern.

Aber wir können trainieren, uns nicht mehr von ihnen beherrschen zu lassen.

Selbstverteidigung bedeutet, die Kontrolle zu behalten.

Und deshalb verliert Wut.

Alles ist Scheiße!

Na und?

Manchmal ist es einfach so wie es ist.

Nicht ein bisschen.

Nicht nur eine Kleinigkeit.

Sondern wirklich Alles.

Du bist müde.

Du bist erschöpft.

Du bist krank.

Du bist verletzt.

Du bist ängstlich.

Oder du hast einen Fehler gemacht.

Beziehungsweise jemand hat einen folgenschweren Fehler gemacht, den du ausbaden musst.

Etwas ist passiert, das du nicht mehr rückgängig machen kannst.

Du kannst dich ärgern.

Du kannst jammern.

Du magst dir vielleicht sogar wünschen, dass es anders gelaufen wäre.

Ist es aber nicht.

Es ist, wie es ist.

Scheiße.

Und das musst du zunächst akzeptieren.

Nicht gutheißen.

Nicht schönreden.

Nicht dauerhaft tolerieren.

Akzeptieren.

Denn diese Realität ist unabänderlich.

Wie im Leben.

So auch in der Selbstverteidigung.

Wenn dein Gegenüber größer ist, ist es größer.

Wenn es stärker ist, ist es stärker.

Wenn du verletzt bist, bist du verletzt.

Wenn du Angst hast, hast du Angst.

Wenn du keinen Ausweg findest, hast du keinen Ausweg.

Wenn du einen Fehler gemacht hast, hast du einen Fehler gemacht.

Und wenn dein Gegenüber ein Messer hat, hast du ein lebensbedrohliches Problem.

Du kannst dir in diesem Moment eine andere Realität herbeisehnen.

Du bekommst sie allerdings nicht serviert.

Also musst du akzeptieren, was ist. Aber du musst es nicht dauerhaft tolerieren.

Denn akzeptieren bedeutet nicht erdulden.

Du musst dich nicht damit abfinden.

Du musst nicht darauf warten, dass jemand anderes etwas verändert.

Du musst der Realität nicht zustimmen.

Du musst dich dieser Realität stellen.

Du musst reagieren.

Vielleicht kannst du nicht alles gleich verändern.

Vielleicht kannst du gerade nur einen kleinen Teil verändern.

Vielleicht kannst du im Moment überhaupt nichts verändern.

Auch das musst du akzeptieren.

Aber sobald du handeln kannst, entscheidest du, wie du aus dieser Situation kommst.

Du kannst nur mit dem arbeiten, was da ist.

Mit deinen individuellen Möglichkeiten.

Mit deinen persönlichen Fehlern.

Mit deiner eigenen Angst.

Mit deinen körperlichen und seelischen Verletzungen.

Mit deiner aktuellen beschissenen Ausgangslage.

Es wird nicht besser, nur weil es so nicht sein dürfte.

Alles ist also scheiße?

Na und!

Dann musst du halt deine Scheißsituation akzeptieren.

Es gibt gerade keine andere Option.

Zumindest solange, bis nicht mehr alles scheiße ist.

Weniger Angst ist mehr

Selbstverteidigungstraining sollte Ängste reduzieren.

Allerdings kann zunächst genau das Gegenteil eintreten.

Es kann Angst machen.

Vielleicht hast du dich vorher nie ernsthaft mit Gewalt beschäftigt.

Vielleicht hast du noch nie echte Gewalt erfahren.

Vielleicht dachtest du, irgendwie kannst du dich bestimmt wehren.

Vielleicht warst du überzeugt, mir wird schon nichts passieren.

Dann stehst du plötzlich einem Menschen gegenüber, der deutlich größer, schwerer oder stärker als du ist.

Und stellst fest:

Das macht einen gewaltigen Unterschied.

Du trainierst, dich gegen Messerangriffe zu wehren, und erkennst, wie verdammt schlecht deine Chancen sind.

Du erlebst Stress.

Kontrollverlust.

Chaos.

Und plötzlich spürst du deine eigene Verletzlichkeit stärker als vorher.

Das ist ein Dilemma im Selbstverteidigungstraining.

Denn eigentlich sollst du durch das Training weniger Angst haben.

Ich könnte es mir natürlich einfacher machen.

Ich könnte dir Techniken zeigen, die immer funktionieren.

Solange dein Trainingspartner mitspielt.

Ich könnte dir vermitteln, dass du nur lange genug trainieren musst, um irgendwann jede Situation beherrschen zu können.

Ich könnte dir Sicherheit versprechen.

Aber mein Versprechen wäre deine Illusion.

Realistisches Training muss dir jegliche Illusion nehmen.

Es darf dich danach aber nicht mit deiner Angst zurücklassen.

Denn wenn du nach dem Training nur weißt, wie unterlegen du sein kannst, hilft dir das im Ernstfall nicht.

Ich kann dich nur vorbereiten.

Handeln musst du selbst.

Du bleibst verletzlich.

Aber du bleibst nicht wehrlos.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Vielleicht bist du körperlich unterlegen.

Dann trainiere.

Vielleicht kannst du einen Angriff nicht kontrollieren.

Dann trainiere.

Vielleicht kannst du einen Kampf nicht gewinnen.

Dann trainiere weiter.

Nicht, weil sich die Realität verändert.

Sondern weil sich deine Chancen verbessern.

Du kannst lernen, Gefahren früher wahrzunehmen.

Entscheidungen schneller zu treffen.

Grenzen zu setzen.

Zu kämpfen.

Wegzulaufen.

Und du kannst lernen, unter Stress zu reagieren.

Sogar zu agieren.

Es gibt jedoch keine Garantie.

Aber es gibt Handlungsmöglichkeiten.

Und genau darum geht es.

Angst warnt uns.

Macht uns wacher.

Sie kann uns davon abhalten, etwas Gefährliches zu tun.

Aber Angst kann uns auch lähmen.

Sie kann Entscheidungen für uns übernehmen.

Sie kann unseren Handlungsspielraum einschränken.

Deshalb ist das Ziel von Selbstverteidigungstraining nicht, angstfrei zu werden.

Das wäre genauso unrealistisch wie der Glaube, jede Situation kontrollieren zu können.

Der Zweck ist nicht, dir einzureden, dass die Welt ungefährlich sei.

Sondern damit zu leben, dass sie manchmal gefährlich ist.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Aufgaben guten Selbstverteidigungstrainings:

Dir zu zeigen, wie verletzlich du bist.

Ohne dir das Gefühl zu geben, hilflos zu sein.

Dir Grenzen zu zeigen.

Und Möglichkeiten.

Dir keine Sicherheit zu versprechen.

Sondern Handlungsfähigkeit zu vermitteln.

Denn weniger Angst bedeutet nicht mehr Sicherheit.

Es bedeutet mehr Freiheit.

Freiheit, Grenzen zu setzen.

Freiheit, zu gehen.

Freiheit, zu bleiben.

Freiheit, zu handeln.

Weniger Angst ist mehr Freiheit.

Glück muss man sich erarbeiten.

Ich hatte schon des Öfteren Glück.

Meistens habe ich das allerdings erst hinterher realisiert.

In Situationen, in denen meine Automatismen funktionierten. In denen ich reagierte, ohne darüber nachzudenken.

Und in denen ich später erkannte:

Das hätte auch schlimmer ausgehen können.

Ich bin durch Schläge zu Boden gegangen und mit dem Kopf nicht so übel aufgeschlagen, dass es vorbei war.

Oder ich bin so gefallen, dass mich die örtlichen Gegebenheiten zunächst vor gefährlichen Tritten gegen meinen Kopf schützten.

Ein anderes Mal habe ich sofort instinktiv zugeschlagen.

Nicht nachgedacht.

Nicht geplant.

Einfach gehandelt.

Im Nachhinein stellte ich fest:

Es war genau der richtige Moment.

War das Können?

War das Training?

Oder war es einfach Glück?

Vermutlich von allem etwas.

Nur Glück kannst du nicht trainieren.

Du kannst nicht jedes Mal bestimmen, wie du getroffen wirst.

Wohin du fällst.

Was gerade im Weg steht.

Was dein Gegenüber als Nächstes macht.

Aber du kannst beeinflussen, wie gut du auf all das vorbereitet bist.

Du kannst immer weiter trainieren.

Bis aus bewussten Bewegungen Automatismen werden.

Bis dein Körper bereits reagiert, während dein Kopf noch verarbeitet, was gerade passiert.

Bis du unter Stress nicht mehr nach einer Lösung suchen musst, sondern deine Chance verbesserst, einfach zu handeln.

Das ist Selbstverteidigungstraining.

Training verhindert das Unglück nicht.

Training garantiert auch kein Glück.

Aber Training verändert die Wahrscheinlichkeit.

Je mehr du trainierst, desto mehr Erfahrungen sammelst du.

Je mehr Erfahrungen du sammelst, desto mehr Handlungsmöglichkeiten stehen dir zur Verfügung.

Und je mehr davon unter Stress tatsächlich abrufbar sind, desto weniger bist du ausschließlich auf dein Glück angewiesen.

Vielleicht hatte ich also einfach Glück.

Vielleicht hatte ich aber auch Glück im Unglück, weil mein Körper bereits reagierte, bevor ich bewusst darüber nachdenken konnte.

Das eine schließt das andere nicht aus.

Im Gegenteil.

Manchmal braucht man trotz allem Training ein bisschen Glück.

Und manchmal muss man sich dieses Glück eben erarbeiten.

Die Welt braucht keine Helden. Sie braucht Überlebende.

Der Held sucht die Anerkennung.

Der Überlebende sucht den Ausweg.

Der Selbstschutz schreibt selten Heldengeschichten.

In der Selbstverteidigung geht es nicht darum, besonders heldenhaft zu sein.

Sondern wehrhaft, um zu überleben.

Du musst deine Stärke nicht beweisen, nur ihrer bewusst sein.

Du kannst den Notfall nicht gewinnen, nur möglichst unverletzt überstehen.

Eigentlich simpel.

Trotzdem juckt dich vielleicht dein Ego:

Ich kann doch jetzt nicht einfach weitergehen.

Dem zeige ich es.

Ich kann im Training doch gut kämpfen.

Also werde ich diesen Straßenkampf gewinnen.

Hochmut kommt vor dem Fall.

Ein Notfall ist kein Wettkampf.

Wer das Feuer sucht, kann darin umkommen.

Denn die Dynamik der Gewalt ist nicht kontrollierbar.

Du kannst stärker sein.

Schneller.

Besser trainiert.

Du kannst alles richtig machen.

Und trotzdem verlieren.

Vielleicht hat dein Gegenüber ein Messer.

Vielleicht sind es plötzlich doch mehr Angreifer.

Vielleicht stolperst du.

Vielleicht schlägst du mit dem Kopf auf Beton.

Vielleicht reicht ein einziger Treffer.

Deshalb zählt alles, was hilft, zu überleben.

Vermeiden.

Deeskalieren.

Nachgeben.

Täuschen.

Fliehen.

Hilfe suchen.

Sich verstecken.

Sich wehren.

Und wenn das eigene Leben tatsächlich bedroht ist, kann auch eine Gegenwehr notwendig werden, die für den Angreifer tödlich endet.

„There is no beauty in Krav Maga.“ – Ran Nakash beim Military Krav Maga Seminar in Berlin (2011)

Überleben hat keine Ästhetik.

Es muss nicht gut aussehen.

Nicht stark.

Nicht ehrenhaft.

Es muss funktionieren.

Es geht aber nicht immer nur um dich.

Wenn andere Menschen deine Hilfe brauchen, darfst du das nicht einfach ignorieren.

Zivilcourage kann notwendig sein.

Auch wenn sie bedeutet, für andere Risiken einzugehen.

Notwendiges Handeln vom eigenen Heldenimpuls abgrenzen zu können, ist Selbstschutz.

Bleibe ich, weil ich gebraucht werde?

Oder bleibe ich, weil mein Ego mich nicht gehen lässt?

Kämpfe ich, weil ich muss?

Oder weil mein Ego gewinnen will?

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Wehrhaftigkeit erfordert nicht, dass du kämpfst.

Wehrhaftigkeit bedeutet, dass du handelst.

Und manchmal ist die wehrhafteste Lösung, die sich in der Situation ergibt, nicht der Kampf.

Du musst niemandem beweisen, wie mutig du bist.

Du musst niemandem zeigen, was du kannst.

Der Held braucht die Anerkennung.

Der Überlebende den Ausweg.

Denn eigentlich geht es nicht nur um dich.

Es gibt Menschen, die auf dich warten.

Deine Welt möchte sich nicht an den Helden erinnern.

Sie möchte mit dem Überlebenden zusammen sein.

Die Welt braucht keine Helden.

Deine Welt braucht dich.

Wollt ihr wehrhaft werden oder lieber sterben?

Am Mittwoch bin ich im Training gestorben.

Mehrfach.

Gino ist Anfang 20, Feuerwehrmann, topfit und Kickboxer. Joachim aus unserem Team trainiert und begleitet ihn schon seit vielen Jahren. Seit Gino ungefähr 17 ist, besucht er uns daher regelmäßig im Training.

Und wenn er da ist, freue ich mich.

Unter anderem auf hartes Sparring.

Am Mittwoch habe ich mit ihm die Verteidigung gegen einen Messerangriff trainiert. Einen sogenannten Icepick. Ein Angriff, bei dem das Messer von oben geführt wird.

Ginos Aufgabe war einfach.

Angreifen.

Nicht mitspielen. Nicht nach meinem ersten Verteidigungsversuch stehen bleiben. Nicht darauf warten, dass ich meine Lösung zu Ende bringe.

Sondern weiter angreifen.

So lange, bis ich seinen Waffenarm oder ihn kontrollieren konnte.

Ich bin dabei unzählige Tode gestorben.

Besonders interessant waren für mich die Angriffe mit links. Ungewohnt, andere Dynamik, andere Winkel.

Bei einigen dieser Angriffe hätte mir ein echtes Messer vermutlich die Halsschlagader aufgeschnitten.

Das ist eine wichtige Erfahrung.

Und eine demütigende.

Ich trainiere Selbstverteidigung seit Jahrzehnten. Ich habe solche Bewegungen tausendfach ausgeführt. Ich unterrichte sie. Ich zeige sie regelmäßig.

Trotzdem bin ich gescheitert.

Immer wieder.

Das Messer interessiert sich nicht dafür, wie lange ich trainiere.

Der Angreifer interessiert sich nicht dafür, wie oft ich einen Bewegungsablauf wiederholt habe.

Und die Realität wartet nicht darauf, dass ich meine Technik sauber zu Ende bringe.

Genau deshalb brauchen wir Demut in der Selbstverteidigung.

Je länger ich trainiere, desto weniger glaube ich an Garantien.

Vorführen ist keine Garantie.

Technik ist keine Garantie.

Erfahrung ist keine Garantie.

Training ist keine Garantie.

Jeder Angriff ist anders. Im Training und in der Realität.

Vorführen ist zunächst Choreographie. Auch für mich als Trainer ist es eine Wiederholung von Bewegungsabläufen. Das hat seinen Zweck. Menschen müssen Bewegungen sehen, verstehen und zunächst unter kontrollierten Bedingungen lernen.

Aber es fehlt etwas.

Dynamik.

Intensität.

Unsicherheit.

Widerstand.

Aggression im Sinne von Entschlossenheit.

Ein Mensch, der einfach weitermacht.

Deshalb muss auch ich mich immer wieder bewusst Situationen aussetzen, in denen meine Lösung nicht automatisch funktioniert.

Gutes Selbstverteidigungstraining muss mich scheitern lassen.

Denn wenn ich im Training niemals scheitere, sollte ich mich irgendwann fragen, ob mein Training überhaupt zielführend ist.

Wir beschäftigen uns in unserer Trainingsgruppe seit mehr als drei Monaten nur mit diesem einen Messerangriff.

Nicht mit zwanzig verschiedenen Messerabwehrtechniken.

Wir trainieren nur diesen einen Angriff.

Immer wieder.

Weil Fehler passieren.

Weil Bewegungsabläufe unter Druck zusammenbrechen.

Weil Wiederholungen fehlen.

Weil Wissen noch lange keine Fähigkeit ist.

Und weil ein Messer zu den gefährlichsten Gegenständen gehört, mit denen wir in einer gewalttätigen Auseinandersetzung konfrontiert werden können.

Ein Messer ist ein allgegenwärtiger, stets verfügbarer Alltagsgegenstand.

Ein Werkzeug.

Es kann gebraucht werden.

Und es kann missbraucht werden.

Dann kann es innerhalb von Sekunden schwere oder tödliche Verletzungen verursachen.

Dagegen gibt es keine Zaubertechnik.

Keine todsichere Messerabwehr.

Kein Allheilmittel.

Das ist wohl keine besonders anziehende Botschaft.

Menschen hören lieber, dass es eine Lösung für alles gibt.

Sie hören lieber, dass sie nach ein paar Stunden wissen, was zu tun ist.

Und natürlich lässt sich ein Seminar besser verkaufen, wenn am Ende das Gefühl entsteht, man könne sich nun gegen einen echten Messerangriff verteidigen.

Ein mehrstündiges „Messer-Seminar“ kann sinnvoll sein.

Es kann sensibilisieren.

Es kann Gefahren verdeutlichen.

Es kann grundlegende Prinzipien vermitteln.

Es kann Menschen erste Erfahrungen ermöglichen.

Aber es kann keine Wehrhaftigkeit erzeugen, die regelmäßiges und intensives Training ersetzt.

Wer nach ein paar Stunden mit dem Gefühl nach Hause geht, einen entschlossenen Messerangriff nun sicher beherrschen zu können, hat möglicherweise nicht mehr Sicherheit gewonnen.

Sondern nur eine falsche Sicherheit.

Und diese kann gefährlicher sein als das Wissen um die eigene Verletzlichkeit.

Demut bedeutet für mich deshalb nicht, mich meiner Wehrlosigkeit zu ergeben.

Ganz im Gegenteil.

Sie bedeutet, die Gefahr ernst zu nehmen.

Meine eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen.

Meine Fehler zu erkennen.

Zu scheitern.

Daraus zu lernen.

Und wieder zu trainieren.

Wehrhaftigkeit ist kein Zustand, den ich irgendwann erreiche.

Ich werde nicht wehrhaft und bin fertig mit dem Training.

Wehrhaftigkeit muss immer wieder erarbeitet werden.

Auch nach Jahrzehnten.

Auch als Trainer.

Auch nach tausenden Wiederholungen.

Am Mittwoch hat Gino mich daran erinnert.

Ziemlich eindrücklich.

Ich kann euch nicht versprechen, dass ihr durch Training einen Messerangriff überlebt.

Wer euch das verspricht, verkauft euch eine Illusion.

Ich kann nur versuchen, meine Chancen zu verbessern.

Und weiter wehrhafter zu werden.

Denn eine Lebensversicherung kann das beste Selbstverteidigungstraining niemals sein.

Also, wollt ihr wehrhaft werden oder lieber sterben?

Ich freu mich auf jeden Tag, weil ich es kann

Ich freu mich auf jeden Tag.

Nicht, weil jeder Tag schön wird.

Nicht, weil immer alles glatt läuft.

Es gibt schlechte Tage.

Voller Ärger.

Sorgen.

Enttäuschungen.

Schmerzen.

Niederlagen.

Ungewissheit.

Trotzdem birgt der nächste Morgen einen neuen Anfang.

Und jeder neue Tag schenkt mir mehr Zeit.

Für Menschen.

Für Gedanken.

Für Ideen.

Für Erfahrungen.

Für Fehler.

Für Veränderungen.

Zeit fürs Leben.

Lebenszeit.

Wie der neue Tag wird, weiß ich nicht.

Vielleicht wird er großartig.

Vielleicht wird er beschissen.

Vielleicht einfach nur ganz gewöhnlich.

Aber er ist da.

Und ich auch.

Ich freu mich auf jeden Tag.

Weil ich es kann.

Feinde müsst ihr sein. Freunde dürft ihr bleiben.

Trainierende – Freund und Feind zugleich.

Ihr lernt miteinander.

Ihr lernt voneinander.

Und ihr tragt Verantwortung füreinander.

Als Freunde unterstützt ihr euch.

Als Feinde fordert ihr euch.

Ein guter Trainingspartner unterstützt euch nicht dabei, erfolgreich zu sein, sondern zu scheitern.

Damit hilft er euch, besser zu werden.

Er muss angreifen.

Richtig.

Konsequent.

Intensiv.

Mit Druck.

Ohne zielgerichteten Angriff keine funktionale Abwehr.

Ein Griff muss ein Griff sein.

Eine Umklammerung eine Umklammerung.

Ein Würger ein Würger.

Ein Schlag ein Schlag.

Ein Tritt ein Tritt.

Widerstand, der verschwindet, sobald ihr euch verteidigt, fordert euch nicht heraus.

Wer nur mitspielt, hilft seinem Trainingspartner nicht.

Im Training fordere ich deshalb häufig:

Ihr wollt euren Trainingspartner wiedersehen.

Also greift ihn jetzt richtig an.

So bereitet ihr ihn besser auf den Ernstfall vor.

Das bedeutet nicht, rücksichtslos zu trainieren.

Im Gegenteil.

Ein guter Feind braucht Kontrolle.

Er muss einschätzen können, wie viel Kraft, Geschwindigkeit, Widerstand und Druck sein Trainingspartner verträgt.

Er muss attackieren, ohne unnötig zu gefährden.

Das kann man lernen.

Regelmäßig Trainierende sind deshalb häufig die besseren Feinde.

Sie sind ruhiger.

Sie sind kontrollierter.

Sie können Intensität besser dosieren.

Und sie sind häufig auch die besseren Freunde.

Denn sie übernehmen Verantwortung für ihr Gegenüber.

Regelmäßiges Training verbessert deshalb nicht nur eure Fähigkeit, euch selbst zu verteidigen.

Es verbessert auch eure Fähigkeit, anderen gutes Training zu ermöglichen.

Jeder Trainierende bringt unterschiedliche Trainingsreize mit.

In kleinen, möglichst homogenen Gruppen lässt sich sehr fokussiert trainieren.

Ähnliche Voraussetzungen ermöglichen angepasste Intensität, individuelle Entwicklung und unmittelbare Korrektur.

Größere, heterogene Gruppen bieten etwas anderes.

Vielfalt.

Homogenität ermöglicht gezieltes Lernen.

Heterogenität schafft ungewohnte Herausforderungen.

Ein guter Trainierender lernt und lässt lernen.

Der Trainingspartner muss zum Trainingsziel passen.

Trainierende trainieren Trainierende.

Als Freunde.

Und als Feinde.

Feinde müsst ihr sein. Im Training.

Freunde dürft ihr bleiben. Im Leben.

Trainer trainieren Trainierende. Trainierende trainieren Trainer.

Trainer vermitteln Wissen, schaffen Lernräume, stellen Aufgaben, beobachten, korrigieren und setzen neue Reize. Sie bringen eigene Erfahrung mit und helfen anderen Menschen dabei, neue Fähigkeiten zu entwickeln.

Aber Training funktioniert auch in die andere Richtung.

Trainierende trainieren Trainer.

Zumindest dann, wenn der Trainer offen dafür ist, sich und sein Können zu reflektieren.

Menschen sind nicht standardisiert

Menschen sind individuell verschieden.

Sie unterscheiden sich in Größe, Gewicht, Kraft und Beweglichkeit. Sie lernen unterschiedlich schnell, nehmen Situationen unterschiedlich wahr und reagieren unter Belastung unterschiedlich. Sie bringen unterschiedliche Erfahrungen, Ängste, Fähigkeiten und Grenzen mit.

Gerade in der Selbstverteidigung ist das entscheidend. Eine Technik kann für einen selbst auf der Matte hervorragend funktionieren und bei einem anderen Menschen an ihre Grenzen kommen oder im konkreten Fall sogar scheitern.

Dann wird es interessant.

Der Trainer kann feststellen, dass der Trainierende die Technik nicht richtig ausführt.

Oder er kann sich fragen:

Warum funktioniert das, was ich vermittle, bei diesem Menschen nicht?

Die erste Frage kann vollkommen berechtigt sein.

Die zweite darf trotzdem nicht fehlen.

Wenn es nicht funktioniert, beginnt die Entwicklung

Talentierte Trainierende machen es Trainern manchmal erstaunlich einfach.

Sie beobachten eine Bewegung, probieren sie aus und können sie umsetzen. Vielleicht bringen sie bereits Erfahrung, gute körperliche Voraussetzungen oder eine schnelle Auffassungsgabe mit.

Alles funktioniert.

Schwieriger und gleichzeitig wertvoller für die eigene Entwicklung sind die Trainierenden, bei denen genau das nicht passiert.

Diejenigen, die eine Bewegung nicht einfach übernehmen können. Die anders reagieren als erwartet. Die für ein vermeintlich einfaches Problem keine der vorgesehenen Lösungen umsetzen können.

Genau sie stellen unsere Methodik auf die Probe.

Besonders viel lernen wir von den Trainierenden, bei denen unsere bisherigen Antworten nicht funktionieren.

Vielleicht war unsere Erklärung schlecht.

Vielleicht war die Übung ungeeignet.

Vielleicht gingen wir von körperlichen Voraussetzungen aus, die dieser Mensch nicht besitzt.

Vielleicht funktioniert diese Technik im Training nur deshalb so zuverlässig, weil die anderen Trainierenden mitspielen.

Vielleicht haben wir selbst etwas übersehen.

Und vielleicht müssen wir akzeptieren, dass eine Methode, von der wir lange überzeugt waren, nicht so universell funktioniert, wie wir gedacht haben.

Das kann unangenehm sein.

Es ist aber Teil der methodischen Weiterentwicklung unseres Trainings.

Kein System ist absolut

Problematisch wird es, wenn Trainer aufhören, sich selbst zu hinterfragen.

Mit wachsender Erfahrung entsteht leicht Gewissheit. Man hat unzählige Trainingsstunden absolviert, Seminare besucht und vielleicht selbst seit vielen Jahren unterrichtet. Die eigene Methodik hat sich etabliert. Die Antworten auf alle Fragen scheinen vorhanden.

Irgendwann kann aus Erfahrung Gewissheit werden.

Und aus Gewissheit Absolutheit.

„Nur unser System funktioniert.“

Damit verändert sich der Blick. Die Entwicklung steht still.

Was vorher eine interessante Abweichung war, wird zum Fehler des Trainierenden. Was nicht in die eigene Methode passt, wird passend gemacht, abgewertet oder ignoriert.

Das System wird nicht mehr am Trainierenden überprüft.

Der Trainierende wird am System gemessen.

In der Selbstverteidigung ist das der falsche Weg.

Denn die Realität interessiert sich nicht dafür, wie lange jemand trainiert hat, welche Gürtelfarbe jemand trägt oder wie sein System heißt.

Sie interessiert sich auch nicht dafür, wie eine Technik eigentlich funktionieren sollte.

Erfahrung ist kein Endpunkt

Erfahrung allein garantiert keine Entwicklung.

Zwanzig Jahre Training können zwanzig Jahre Entwicklung bedeuten.

Sie können aber auch bedeuten, dass jemand ein Jahr Erfahrung zwanzigmal wiederholt hat.

Deshalb gehört zum Trainersein mehr als das Vermitteln dessen, was man bereits weiß.

Andere Ansätze beobachten. Fragen stellen. Eigene Überzeugungen überprüfen. Neue Erkenntnisse aufnehmen. Dinge ausprobieren. Verwerfen. Verändern.

Und vor allem:

die Trainierenden beobachten.

Denn jeder Trainierende liefert Informationen darüber, was unser Training tatsächlich bewirkt.

Nicht theoretisch.

Nicht innerhalb unseres Systems.

Sondern bei echten Menschen.

Trainer trainieren Trainierende. Trainierende trainieren Trainer.

Selbstverteidigungstraining ist keine Einbahnstraße.

Der Trainer setzt einen Reiz. Der Trainierende reagiert darauf. Diese Reaktion liefert neue Erkenntnisse. Ein guter Trainer nimmt sie wahr und verändert, wenn nötig, Aufgabe, Erklärung, Intensität oder Methode.

So entwickelt sich der Trainierende.

Und so entwickelt sich auch der Trainer weiter.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Fähigkeiten eines Trainers:

nicht nur Antworten zu geben, sondern zu erkennen, wann die eigenen Antworten nicht mehr ausreichen.

Denn ein Trainer, der aufgehört hat zu lernen, kann weiterhin unterrichten.

Er entwickelt sich nur nicht mehr weiter.

Und ein Selbstverteidigungssystem, das sich nicht weiterentwickelt und als absolut dargestellt wird, verteidigt am Ende nur noch sich selbst.

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