Wollt ihr wehrhaft werden oder lieber sterben?

Am Mittwoch bin ich im Training gestorben.

Mehrfach.

Gino ist Anfang 20, Feuerwehrmann, topfit und Kickboxer. Joachim aus unserem Team trainiert und begleitet ihn schon seit vielen Jahren. Seit Gino ungefähr 17 ist, besucht er uns daher regelmäßig im Training.

Und wenn er da ist, freue ich mich.

Unter anderem auf hartes Sparring.

Am Mittwoch habe ich mit ihm die Verteidigung gegen einen Messerangriff trainiert. Einen sogenannten Icepick. Ein Angriff, bei dem das Messer von oben geführt wird.

Ginos Aufgabe war einfach.

Angreifen.

Nicht mitspielen. Nicht nach meinem ersten Verteidigungsversuch stehen bleiben. Nicht darauf warten, dass ich meine Lösung zu Ende bringe.

Sondern weiter angreifen.

So lange, bis ich seinen Waffenarm oder ihn kontrollieren konnte.

Ich bin dabei unzählige Tode gestorben.

Besonders interessant waren für mich die Angriffe mit links. Ungewohnt, andere Dynamik, andere Winkel.

Bei einigen dieser Angriffe hätte mir ein echtes Messer vermutlich die Halsschlagader aufgeschnitten.

Das ist eine wichtige Erfahrung.

Und eine demütigende.

Ich trainiere Selbstverteidigung seit Jahrzehnten. Ich habe solche Bewegungen tausendfach ausgeführt. Ich unterrichte sie. Ich zeige sie regelmäßig.

Trotzdem bin ich gescheitert.

Immer wieder.

Das Messer interessiert sich nicht dafür, wie lange ich trainiere.

Der Angreifer interessiert sich nicht dafür, wie oft ich einen Bewegungsablauf wiederholt habe.

Und die Realität wartet nicht darauf, dass ich meine Technik sauber zu Ende bringe.

Genau deshalb brauchen wir Demut in der Selbstverteidigung.

Je länger ich trainiere, desto weniger glaube ich an Garantien.

Vorführen ist keine Garantie.

Technik ist keine Garantie.

Erfahrung ist keine Garantie.

Training ist keine Garantie.

Jeder Angriff ist anders. Im Training und in der Realität.

Vorführen ist zunächst Choreographie. Auch für mich als Trainer ist es eine Wiederholung von Bewegungsabläufen. Das hat seinen Zweck. Menschen müssen Bewegungen sehen, verstehen und zunächst unter kontrollierten Bedingungen lernen.

Aber es fehlt etwas.

Dynamik.

Intensität.

Unsicherheit.

Widerstand.

Aggression im Sinne von Entschlossenheit.

Ein Mensch, der einfach weitermacht.

Deshalb muss auch ich mich immer wieder bewusst Situationen aussetzen, in denen meine Lösung nicht automatisch funktioniert.

Gutes Selbstverteidigungstraining muss mich scheitern lassen.

Denn wenn ich im Training niemals scheitere, sollte ich mich irgendwann fragen, ob mein Training überhaupt zielführend ist.

Wir beschäftigen uns in unserer Trainingsgruppe seit mehr als drei Monaten nur mit diesem einen Messerangriff.

Nicht mit zwanzig verschiedenen Messerabwehrtechniken.

Wir trainieren nur diesen einen Angriff.

Immer wieder.

Weil Fehler passieren.

Weil Bewegungsabläufe unter Druck zusammenbrechen.

Weil Wiederholungen fehlen.

Weil Wissen noch lange keine Fähigkeit ist.

Und weil ein Messer zu den gefährlichsten Gegenständen gehört, mit denen wir in einer gewalttätigen Auseinandersetzung konfrontiert werden können.

Ein Messer ist ein allgegenwärtiger, stets verfügbarer Alltagsgegenstand.

Ein Werkzeug.

Es kann gebraucht werden.

Und es kann missbraucht werden.

Dann kann es innerhalb von Sekunden schwere oder tödliche Verletzungen verursachen.

Dagegen gibt es keine Zaubertechnik.

Keine todsichere Messerabwehr.

Kein Allheilmittel.

Das ist wohl keine besonders anziehende Botschaft.

Menschen hören lieber, dass es eine Lösung für alles gibt.

Sie hören lieber, dass sie nach ein paar Stunden wissen, was zu tun ist.

Und natürlich lässt sich ein Seminar besser verkaufen, wenn am Ende das Gefühl entsteht, man könne sich nun gegen einen echten Messerangriff verteidigen.

Ein mehrstündiges „Messer-Seminar“ kann sinnvoll sein.

Es kann sensibilisieren.

Es kann Gefahren verdeutlichen.

Es kann grundlegende Prinzipien vermitteln.

Es kann Menschen erste Erfahrungen ermöglichen.

Aber es kann keine Wehrhaftigkeit erzeugen, die regelmäßiges und intensives Training ersetzt.

Wer nach ein paar Stunden mit dem Gefühl nach Hause geht, einen entschlossenen Messerangriff nun sicher beherrschen zu können, hat möglicherweise nicht mehr Sicherheit gewonnen.

Sondern nur eine falsche Sicherheit.

Und diese kann gefährlicher sein als das Wissen um die eigene Verletzlichkeit.

Demut bedeutet für mich deshalb nicht, mich meiner Wehrlosigkeit zu ergeben.

Ganz im Gegenteil.

Sie bedeutet, die Gefahr ernst zu nehmen.

Meine eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen.

Meine Fehler zu erkennen.

Zu scheitern.

Daraus zu lernen.

Und wieder zu trainieren.

Wehrhaftigkeit ist kein Zustand, den ich irgendwann erreiche.

Ich werde nicht wehrhaft und bin fertig mit dem Training.

Wehrhaftigkeit muss immer wieder erarbeitet werden.

Auch nach Jahrzehnten.

Auch als Trainer.

Auch nach tausenden Wiederholungen.

Am Mittwoch hat Gino mich daran erinnert.

Ziemlich eindrücklich.

Ich kann euch nicht versprechen, dass ihr durch Training einen Messerangriff überlebt.

Wer euch das verspricht, verkauft euch eine Illusion.

Ich kann nur versuchen, meine Chancen zu verbessern.

Und weiter wehrhafter zu werden.

Denn eine Lebensversicherung kann das beste Selbstverteidigungstraining niemals sein.

Also, wollt ihr wehrhaft werden oder lieber sterben?

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