Feinde müsst ihr sein. Freunde dürft ihr bleiben.

Trainierende – Freund und Feind zugleich.

Ihr lernt miteinander.

Ihr lernt voneinander.

Und ihr tragt Verantwortung füreinander.

Als Freunde unterstützt ihr euch.

Als Feinde fordert ihr euch.

Ein guter Trainingspartner unterstützt euch nicht dabei, erfolgreich zu sein, sondern zu scheitern.

Damit hilft er euch, besser zu werden.

Er muss angreifen.

Richtig.

Konsequent.

Intensiv.

Mit Druck.

Ohne zielgerichteten Angriff keine funktionale Abwehr.

Ein Griff muss ein Griff sein.

Eine Umklammerung eine Umklammerung.

Ein Würger ein Würger.

Ein Schlag ein Schlag.

Ein Tritt ein Tritt.

Widerstand, der verschwindet, sobald ihr euch verteidigt, fordert euch nicht heraus.

Wer nur mitspielt, hilft seinem Trainingspartner nicht.

Im Training fordere ich deshalb häufig:

Ihr wollt euren Trainingspartner wiedersehen.

Also greift ihn jetzt richtig an.

So bereitet ihr ihn besser auf den Ernstfall vor.

Das bedeutet nicht, rücksichtslos zu trainieren.

Im Gegenteil.

Ein guter Feind braucht Kontrolle.

Er muss einschätzen können, wie viel Kraft, Geschwindigkeit, Widerstand und Druck sein Trainingspartner verträgt.

Er muss attackieren, ohne unnötig zu gefährden.

Das kann man lernen.

Regelmäßig Trainierende sind deshalb häufig die besseren Feinde.

Sie sind ruhiger.

Sie sind kontrollierter.

Sie können Intensität besser dosieren.

Und sie sind häufig auch die besseren Freunde.

Denn sie übernehmen Verantwortung für ihr Gegenüber.

Regelmäßiges Training verbessert deshalb nicht nur eure Fähigkeit, euch selbst zu verteidigen.

Es verbessert auch eure Fähigkeit, anderen gutes Training zu ermöglichen.

Jeder Trainierende bringt unterschiedliche Trainingsreize mit.

In kleinen, möglichst homogenen Gruppen lässt sich sehr fokussiert trainieren.

Ähnliche Voraussetzungen ermöglichen angepasste Intensität, individuelle Entwicklung und unmittelbare Korrektur.

Größere, heterogene Gruppen bieten etwas anderes.

Vielfalt.

Homogenität ermöglicht gezieltes Lernen.

Heterogenität schafft ungewohnte Herausforderungen.

Ein guter Trainierender lernt und lässt lernen.

Der Trainingspartner muss zum Trainingsziel passen.

Trainierende trainieren Trainierende.

Als Freunde.

Und als Feinde.

Feinde müsst ihr sein. Im Training.

Freunde dürft ihr bleiben. Im Leben.

Trainer trainieren Trainierende. Trainierende trainieren Trainer.

Trainer vermitteln Wissen, schaffen Lernräume, stellen Aufgaben, beobachten, korrigieren und setzen neue Reize. Sie bringen eigene Erfahrung mit und helfen anderen Menschen dabei, neue Fähigkeiten zu entwickeln.

Aber Training funktioniert auch in die andere Richtung.

Trainierende trainieren Trainer.

Zumindest dann, wenn der Trainer offen dafür ist, sich und sein Können zu reflektieren.

Menschen sind nicht standardisiert

Menschen sind individuell verschieden.

Sie unterscheiden sich in Größe, Gewicht, Kraft und Beweglichkeit. Sie lernen unterschiedlich schnell, nehmen Situationen unterschiedlich wahr und reagieren unter Belastung unterschiedlich. Sie bringen unterschiedliche Erfahrungen, Ängste, Fähigkeiten und Grenzen mit.

Gerade in der Selbstverteidigung ist das entscheidend. Eine Technik kann für einen selbst auf der Matte hervorragend funktionieren und bei einem anderen Menschen an ihre Grenzen kommen oder im konkreten Fall sogar scheitern.

Dann wird es interessant.

Der Trainer kann feststellen, dass der Trainierende die Technik nicht richtig ausführt.

Oder er kann sich fragen:

Warum funktioniert das, was ich vermittle, bei diesem Menschen nicht?

Die erste Frage kann vollkommen berechtigt sein.

Die zweite darf trotzdem nicht fehlen.

Wenn es nicht funktioniert, beginnt die Entwicklung

Talentierte Trainierende machen es Trainern manchmal erstaunlich einfach.

Sie beobachten eine Bewegung, probieren sie aus und können sie umsetzen. Vielleicht bringen sie bereits Erfahrung, gute körperliche Voraussetzungen oder eine schnelle Auffassungsgabe mit.

Alles funktioniert.

Schwieriger und gleichzeitig wertvoller für die eigene Entwicklung sind die Trainierenden, bei denen genau das nicht passiert.

Diejenigen, die eine Bewegung nicht einfach übernehmen können. Die anders reagieren als erwartet. Die für ein vermeintlich einfaches Problem keine der vorgesehenen Lösungen umsetzen können.

Genau sie stellen unsere Methodik auf die Probe.

Besonders viel lernen wir von den Trainierenden, bei denen unsere bisherigen Antworten nicht funktionieren.

Vielleicht war unsere Erklärung schlecht.

Vielleicht war die Übung ungeeignet.

Vielleicht gingen wir von körperlichen Voraussetzungen aus, die dieser Mensch nicht besitzt.

Vielleicht funktioniert diese Technik im Training nur deshalb so zuverlässig, weil die anderen Trainierenden mitspielen.

Vielleicht haben wir selbst etwas übersehen.

Und vielleicht müssen wir akzeptieren, dass eine Methode, von der wir lange überzeugt waren, nicht so universell funktioniert, wie wir gedacht haben.

Das kann unangenehm sein.

Es ist aber Teil der methodischen Weiterentwicklung unseres Trainings.

Kein System ist absolut

Problematisch wird es, wenn Trainer aufhören, sich selbst zu hinterfragen.

Mit wachsender Erfahrung entsteht leicht Gewissheit. Man hat unzählige Trainingsstunden absolviert, Seminare besucht und vielleicht selbst seit vielen Jahren unterrichtet. Die eigene Methodik hat sich etabliert. Die Antworten auf alle Fragen scheinen vorhanden.

Irgendwann kann aus Erfahrung Gewissheit werden.

Und aus Gewissheit Absolutheit.

„Nur unser System funktioniert.“

Damit verändert sich der Blick. Die Entwicklung steht still.

Was vorher eine interessante Abweichung war, wird zum Fehler des Trainierenden. Was nicht in die eigene Methode passt, wird passend gemacht, abgewertet oder ignoriert.

Das System wird nicht mehr am Trainierenden überprüft.

Der Trainierende wird am System gemessen.

In der Selbstverteidigung ist das der falsche Weg.

Denn die Realität interessiert sich nicht dafür, wie lange jemand trainiert hat, welche Gürtelfarbe jemand trägt oder wie sein System heißt.

Sie interessiert sich auch nicht dafür, wie eine Technik eigentlich funktionieren sollte.

Erfahrung ist kein Endpunkt

Erfahrung allein garantiert keine Entwicklung.

Zwanzig Jahre Training können zwanzig Jahre Entwicklung bedeuten.

Sie können aber auch bedeuten, dass jemand ein Jahr Erfahrung zwanzigmal wiederholt hat.

Deshalb gehört zum Trainersein mehr als das Vermitteln dessen, was man bereits weiß.

Andere Ansätze beobachten. Fragen stellen. Eigene Überzeugungen überprüfen. Neue Erkenntnisse aufnehmen. Dinge ausprobieren. Verwerfen. Verändern.

Und vor allem:

die Trainierenden beobachten.

Denn jeder Trainierende liefert Informationen darüber, was unser Training tatsächlich bewirkt.

Nicht theoretisch.

Nicht innerhalb unseres Systems.

Sondern bei echten Menschen.

Trainer trainieren Trainierende. Trainierende trainieren Trainer.

Selbstverteidigungstraining ist keine Einbahnstraße.

Der Trainer setzt einen Reiz. Der Trainierende reagiert darauf. Diese Reaktion liefert neue Erkenntnisse. Ein guter Trainer nimmt sie wahr und verändert, wenn nötig, Aufgabe, Erklärung, Intensität oder Methode.

So entwickelt sich der Trainierende.

Und so entwickelt sich auch der Trainer weiter.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Fähigkeiten eines Trainers:

nicht nur Antworten zu geben, sondern zu erkennen, wann die eigenen Antworten nicht mehr ausreichen.

Denn ein Trainer, der aufgehört hat zu lernen, kann weiterhin unterrichten.

Er entwickelt sich nur nicht mehr weiter.

Und ein Selbstverteidigungssystem, das sich nicht weiterentwickelt und als absolut dargestellt wird, verteidigt am Ende nur noch sich selbst.

Der Körper spricht

Vor dem ersten Wort spricht der Körper.

Wir teilen uns ständig mit.

Mit unserer Haltung.
Mit unserem Blick.
Mit unserer Gestik.
Mit unserer Mimik.
Mit unserer Atmung.
Mit jeder Bewegung.

Andere Menschen nehmen diese Signale wahr.

Meist bevor wir es selbst realisieren.

Sie erkennen Unsicherheit.
Selbstvertrauen.
Anspannung.
Offenheit.
Ablehnung.
Zuwendung.

Auch Menschen mit schlechten Absichten lesen unsere Körpersprache.

Und reagieren darauf.

Wer Körpersprache versteht, erkennt Entwicklungen häufig früher.

Und wer den eigenen Körper besser versteht, kann bewusst Signale senden.

Körpersprache ist kein Talent.

Wie jede Sprache kann man sie lernen zu lesen und zu sprechen.

Denn selbstbewusste Körpersprache ist Selbstverteidigung.

Kontrollzentrum Kopf

Der Kopf ist das Kontrollzentrum deines Körpers.

Darin entstehen deine Gedanken.

Darin fallen deine Entscheidungen.

Darin beginnt jedes Handeln.

Wer seinen eigenen Kopf nicht kontrolliert, wird leichter von seinen Emotionen beherrscht.

Von Angst.

Von Wut.

Von Unsicherheit.

Von Stress.

Deshalb beginnt Selbstschutz im Kopf.

Es gibt einen Satz, den ich im Training oft wiederhole:

Wo der Kopf hingeht, geht der Körper hin.

Wer den Kopf bewegt, verändert Balance, Haltung und Bewegung des gesamten Körpers.

Der Kopf führt.

Der Körper folgt.

Dieses Prinzip begegnet uns ständig.

Im Alltag.

Im Sport.

Und natürlich auch in der Selbstverteidigung.

Der Kopf ist aber nicht nur das Kontrollzentrum unseres Körpers.

Er entscheidet auch darüber, ob wir uns von anderen kontrollieren lassen.

Menschen versuchen täglich, Einfluss auf die Gedanken anderer zu nehmen.

Durch Bewertung.

Durch Abwertung.

Durch Angst.

Durch Druck.

Durch Schuldgefühle.

Durch Einschüchterung.

Durch Manipulation.

Wer seine Gedanken selbstbewusst steuert, bleibt schwerer beeinflussbar.

Selbstbewusstsein und Resilienz entstehen nicht einfach so.

Sie wachsen mit Erfahrung.

Mit Training.

Mit bewussten Entscheidungen.

Der Kopf hat jedoch noch eine weitere Bedeutung.

Er ist der empfindlichste Teil unseres Körpers.

Deshalb lernen wir im Training, ihn zu schützen.

Und wir lernen zu verstehen, welche besondere Bedeutung der Kopf in einer körperlichen Auseinandersetzung besitzt.

Nicht um Gewalt zu suchen.

Sondern um Gewalt zu überstehen.

Selbst Schmerzen existieren nur im Kopf.

Erst unser Gehirn entscheidet, wie wir sie wahrnehmen und mit ihnen umgehen.

Wir trainieren eben nicht nur unseren Körper.

Wir trainieren unter Belastung.

Wir trainieren unter Stress.

Wir trainieren mit Schmerz.

Wir trainieren durch Abhärtung.

Wir trainieren Wahrnehmung.

Wir trainieren Haltung.

Wir trainieren Resilienz.

Unser Training fördert deine Fähigkeit zu handeln, zu entscheiden und Widerstand zu leisten.

Denn am Ende entscheidet nicht nur deine Kraft.

Sondern vor allem dein Kopf.

Bequemlichkeit ist keine Tat, sondern schlechter Rat

Bequemlichkeit fühlt sich angenehm an.

Sie spart Zeit.
Sie spart Kraft.
Sie spart Überwindung.

Deshalb mögen wir es einfach bequem.

Ich selbst bin monatelang nicht mehr in mein Lieblings-Fitnessstudio gegangen. Nicht, weil das Training dort schlecht gewesen wäre. Im Gegenteil, das Clays in Zehlendorf gehört für mich zu den schönsten Studios in Berlin.

Der Weg war mir einfach zu weit geworden.

Heute trainiere ich wieder regelmäßig. Mindestens drei Mal pro Woche. Manche Woche werden es sogar sechs oder sieben Einheiten.

Nicht weil ich motivierter geworden bin.

Sondern weil „mein“ neues Studio nur wenige Minuten von meinem Zuhause entfernt ist.

Manchmal entscheidet nicht der Wille über unser Handeln.

Sondern die Distanz.

Oder besser gesagt: unsere Wahrnehmung von Entfernung.

Beim Fitnesstraining zeigen sich die Folgen von Bequemlichkeit oft erst einige Jahre später.

Es gibt viele gute Studios. Wenn eines zu weit entfernt ist, findet sich meist ein anderes mit vergleichbarer Qualität und Ausstattung.

In der Selbstverteidigung sieht das ganz anders aus.

Realistisches Selbstverteidigungstraining findet man nur selten.

Sehr selten sogar.

Viele Angebote vermitteln Techniken.

Manche vermitteln Sport.

Einige vermitteln Show.

Nur wenige bereiten Menschen auf den Moment vor, in dem Angst, Stress und Gewalt jede Theorie verdrängen.

Deshalb lohnt sich auch ein weiterer Weg.

Eine Stunde mehr Fahrtzeit pro Woche ist kein Verlust.

Sie ist eine Investition.

Fitnesstraining verbessert deine Gesundheit.

Selbstverteidigung kann darüber entscheiden, ob du nach einer Gewalttat überhaupt noch gesund nach Hause gehst.

Deshalb sollte Bequemlichkeit niemals entscheiden, wo du Selbstverteidigung lernst.

Ein kurzer Weg ist angenehm.

Ein empathischer Trainer ist essenziell.

Ein realistisches Training ist ausschlaggebend.

Und deine Sicherheit sollte dir wichtiger sein als deine Bequemlichkeit.

Bequemlichkeit existiert nur im Kopf.

Nicht die Entfernung hält uns auf.

Sondern die Hürden, die wir uns wegen der Entfernung einreden.

Der kürzeste Weg ist deshalb nicht immer der beste.

Manchmal führt eben nur der längere Weg sicher ans Ziel.

Das Gift: Faulheit

Faulheit ist dein leiser Gegner.

Sie schreit nicht.

Sie bedroht dich nicht.

Sie greift dich nicht an.

Sie ist in dir und flüstert dir zu:

Heute mache ich mal eine Pause.

Morgen fange ich dann richtig an.

Ein Training weniger ist egal.

Genau darin liegt die Gefahr.

Faulheit wirkt nicht wie ein Schlag.

Sie wirkt wie ein Gift.

Langsam.

Unbemerkt.

Tag für Tag.

Denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

Ich kenne dieses Gift selbst gut.

Fast zehn Monate lang habe ich mein eigenes Fitnesstraining stark vernachlässigt. Natürlich war ich weiterhin auf der Matte. Ich habe unterrichtet, trainiert und Sparring gemacht.

Aber meine körperliche Fitness war offensichtlich schlechter geworden.

Auf der Matte hat mich vor allem meine Routine gerettet.

Der Körper funktionierte noch.

Die Techniken funktionierten noch.

Die Erfahrung war noch vorhanden.

Doch das Fundament fehlte.

Meine Belastbarkeit sank.

Mein Wohlbefinden verschlechterte sich. Geistig und körperlich.

Und ich musste feststellen:

Ich hatte mich an diese Bequemlichkeit gewöhnt.

Schaut euch das Bild zu diesem Beitrag an. Das bin ich. Kein perfekter Trainer, sondern ein Mensch, der beschlossen hat, den bequemen Weg wieder zu verlassen.

Diese Erkenntnis kam mir ausgerechnet in der Sauna.

Während ich schwitzte, entstand plötzlich ein Bild in meinem Kopf.

Ich schwitze gerade das Gift aus.

Das Gift, das Faulheit heißt.

Es infiziert nahezu alle Bereiche des Lebens.

Wer dauerhaft den einfachsten Weg sucht, verliert langsam die Fähigkeit, unbequeme Wege überhaupt noch zu gehen.

Selbstverteidigungstraining darf niemals bequem sein.

Denn die Realität ist im Notfall äußerst unbequem.

Eine kritische Situation fragt dich nicht, ob du heute willst.

Sie fragt auch nicht, ob du gestern trainiert hast.

Sie verlangt Leistung.

Sofort.

Deshalb muss man sich regelmäßig daran erinnern, dass Anstrengung nichts Negatives ist.

Anstrengung ist Training.

Anstrengung ist Entwicklung.

Anstrengung ist Leben.

Das gilt übrigens auch im klassischen Kampfsport.

Nach einer längeren Trainingspause müssen viele Wettkämpfer zunächst wieder Gewicht reduzieren und sich selbst disziplinieren.

Nicht, weil sie es nicht könnten.

Sondern weil sie sich erst wieder daran gewöhnen müssen, sich zu quälen.

Genau darin steckt eine wichtige Wahrheit.

Leistung beginnt oft dort, wo Bequemlichkeit endet.

Nach einer faulen Phase muss man nicht nur Muskeln aufbauen.

Man muss vor allem die richtige Mentalität und notwendige Disziplin zurückgewinnen.

Die Bereitschaft, wieder freiwillig das Unangenehme zu wählen.

Jede Trainingseinheit ist deshalb mehr als Bewegung.

Sie ist eine Entscheidung.

Eine Entscheidung gegen Bequemlichkeit.

Eine Entscheidung gegen Stillstand.

Eine Entscheidung gegen das Gift.

Der erste Gegner sitzt deshalb oft nicht vor uns.

Er sitzt in uns.

Nur dein Fleiß besiegt deine Faulheit.

Angst ist kein Hindernis. Angst ist ein Hinweis.

Viele Menschen glauben, Mut bedeute, angstfrei zu sein.

Das Gegenteil ist der Fall.

Wer keine Angst mehr spürt, erkennt Gefahren oft zu spät. Angst ist das Warnsignal unseres Systems. Sie macht uns aufmerksam. Sie schärft unsere Wahrnehmung. Sie weist uns darauf hin, dass etwas nicht stimmt.

Angst ergibt Sinn.

Das Problem beginnt dann, wenn deine Angst die Kontrolle übernimmt.

In einer Gefahrensituation reagiert der Mensch nicht immer mit Kampf oder Flucht. Viele Menschen erstarren einfach. Der Körper funktioniert noch, aber der Geist blockiert. Entscheidungen werden nicht getroffen. Handlungen werden nicht ausgeführt. Lebenszeit geht verloren.

Im Notfall kann es den Unterschied zwischen Gesundheit und Verletzung bedeuten.

Deshalb besteht Selbstverteidigung nicht darin, Angst zu eliminieren.

Sie besteht darin, Angst auszuhalten und handlungsfähig zu bleiben.

Wer Selbstverteidigung trainiert, trainiert nicht nur Techniken. Er trainiert auch den Umgang mit Stress, Druck und Unsicherheit. Er lernt, die eigene Angst anzunehmen und zu kontrollieren.

Angst darf lenken.

Sie darf warnen.

Sie darf die Aufmerksamkeit erhöhen.

Aber sie darf nicht das Ruder völlig übernehmen.

Mahatma Gandhi formulierte es treffend:

„Fear has its use, but cowardice has none.“

Angst hat ihren Nutzen.

Feigheit keinen.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, was wir aus unserer Angst machen. Akzeptieren wir sie als Hinweis auf eine Gefahr? Oder lassen wir zu, dass sie uns lähmt?

Absolute Furchtlosigkeit ist weder realistisch noch erstrebenswert.

Handlungsfähigkeit trotz Angst hingegen schon.

Wer seine Angst akzeptiert, versteht und kontrollieren lernt, kann noch handeln, wenn es zählt.

Auch das ist Selbstverteidigung:
Entweder kontrolliert die Angst dich, oder du kontrollierst deine Angst.

Nur das Wesentliche zählt.

Unsere Aufmerksamkeit ist begrenzt.

Jeden Tag kämpfen unzählige Dinge um sie. Neueste Nachrichten, laute Werbung, soziale Medien, unterschiedliche Meinungen, alltägliche Sorgen, gesellschaftliche Erwartungen und weltweite Großereignisse. Ständig wird versucht, unseren Fokus auf dieses oder jenes abzulenken.

Das Problem dabei: Wer sich mit allem beschäftigt, verliert leicht das Wesentliche aus den Augen.

Gerade in Konflikt- und Gefahrensituationen wird das deutlich.

Viele Menschen richten ihre Aufmerksamkeit auf die falschen Dinge. Sie achten auf Worte statt auf Taten. Auf Lautstärke statt auf Verhalten. Auf Provokationen statt auf die tatsächliche Gefahr. Und lassen sich davon beeindrucken.

Nähert sich uns ein aggressiver Mensch und betritt unseren Nahbereich, konzentrieren sich viele automatisch auf dessen Gesicht. Sie starren auf die Augen, lassen sich von einem durchdringenden Blick beeindrucken oder reagieren emotional auf Beschimpfungen und Drohungen.

Doch genau dort liegt oft die Ablenkung vom Wesentlichen.

Entscheidend ist nicht, wie böse jemand schaut. Entscheidend ist, was er tut.

Wie bewegt sich sein Körper? Verkürzt er die Distanz? Verändert sich seine Haltung? Wo befinden sich seine Hände? Baut sich Spannung auf?

Die Körpersprache verrät oft mehr als Worte oder Mimik.

Wer seine Aufmerksamkeit bewusst vom Gesicht auf den gesamten Körper lenkt, erkennt wichtige Informationen früher. Gleichzeitig sinkt die Gefahr, sich von Einschüchterungsversuchen psychisch beeinflussen zu lassen.

Das gilt nicht nur in der Selbstverteidigung.

Auch im Alltag versuchen Menschen immer wieder, unsere Aufmerksamkeit zu lenken. Manche bewusst, manche unbewusst. Nicht jede Provokation verdient eine Reaktion. Nicht jede Meinung verdient unsere Energie. Nicht jede Ablenkung verdient unseren Fokus.

Wehrhaftigkeit bedeutet deshalb nicht nur, sich körperlich verteidigen zu können.

Wehrhaftigkeit bedeutet auch, die eigene Wahrnehmung bewusst zu steuern.

Wer entscheidet, worauf er seinen Fokus richtet, behält die Kontrolle über sein Denken und Handeln.

Deshalb gilt in der Selbstverteidigung wie im Alltag:

Konzentriere dich auf das Wesentliche.

Konflikt statt Kompromiss

Konflikte vermeiden, Kompromisse eingehen, Frieden bewahren. Das klingt zunächst vernünftig.

Doch im Notfall kann genau diese Haltung gefährlich werden.

Wer kompromissbereit ist, gilt als vernünftig, friedlich und erwachsen.
Wer Konflikte eingeht, wirkt dagegen oft stur, unbequem oder aggressiv.

Kompromisse haben ihre Berechtigung

Natürlich können Kompromisse verhärtete Fronten auflösen.

Natürlich können sie Beziehungen erhalten.

Natürlich gibt es Situationen, in denen ein Kompromiss die beste Lösung ist.

Wenn ein Kompromiss mein Überleben sichert, werde ich ihn jederzeit eingehen.

Das Problem

Viele Menschen verwechseln Kompromissfähigkeit mit Wehrhaftigkeit.

Ein Kompromiss bedeutet immer, dass beide Seiten auf etwas verzichten.

Doch was passiert, wenn nur eine Seite nachgibt?

Was passiert, wenn die eigene Sicherheit, Würde oder körperliche Unversehrtheit gefährdet ist?

Dann wird aus einem Kompromiss eine gefährliche Kapitulation.

Nicht jeder Konfliktpartner will eine Lösung

Eine der gefährlichsten Illusionen besteht darin, anzunehmen, dass jeder Mensch an einer gemeinsamen Lösung interessiert ist.

Das ist nicht immer der Fall.

Einige Menschen wollen nicht verhandeln.

Einige Menschen wollen dominieren.

Einige Menschen wollen verletzen.

Wer bei einem Raubüberfall seine Wertsachen herausgibt, hat bereits einen Kompromiss angeboten.

Trotzdem endet ein Übergriff dadurch nicht automatisch.

Warum?

Weil es dem Täter manchmal nicht nur um Materielles geht.

Manchmal geht es um Macht.

Um Kontrolle.

Um Demütigung.

Um das eigene Ego.

Konfliktfähigkeit statt Konfliktvermeidung

Selbstverteidigung bedeutet deshalb nicht, Konflikte zu suchen.

Aber sie bedeutet, Konflikte aushalten zu können.
Und in Konflikten zu bestehen.

Wer seine Grenzen schützen will, muss akzeptieren, dass andere Menschen diese Grenzen nicht immer respektieren werden.

Ein Nein kann Widerspruch erzeugen.

Eine Grenze kann Ärger auslösen.

Widerstand kann einen Konflikt hervorrufen.

Das macht die Grenze nicht falsch. Sondern sogar notwendig.

Resilienz als Basis

Konfliktfähigkeit braucht Resilienz.

Wer bei jedem Widerstand einknickt, wird seine Grenzen dauerhaft nicht verteidigen können.

Wer hingegen lernt, Unbehagen, Druck und Ablehnung auszuhalten, gewinnt Handlungsspielraum.

Nicht jeder Konflikt muss gewonnen werden.

Aber wir sollten in der Lage sein, einen Konflikt auszuhalten, wenn unsere Sicherheit, Freiheit oder Würde auf dem Spiel stehen.

Denn Konfliktfähigkeit ist trainierbar.

Distanz ist Sicherheit

Viele Menschen denken bei Selbstverteidigung an Schläge, Tritte oder Hebel.

Selbstverteidigung beginnt mit Abstand. Mit einer gesunden Distanz.

Distanz schafft Zeit. Zeit schafft Möglichkeiten. Möglichkeiten schaffen Handlungsspielraum.

Wer Distanz hält, kann beobachten. Wer beobachten kann, kann entscheiden. Wer entscheiden kann, kann sich rechtzeitig distanzieren. Distanzieren ist Kontrolle. Kontrolle ermöglicht Flucht. Flucht ist das Vermeiden von Kämpfen. Kämpfen ist die allerletzte Option.

Deshalb ist Distanz nicht nur eine räumliche Frage. Sie beginnt mit Aufmerksamkeit.

Wer aufmerksam durchs Leben geht, erkennt Situationen früher. Er bemerkt Menschen früher. Er nimmt Spannungen wahr, bevor sie eskalieren. Er erkennt Chaos, bevor er mittendrin steht.

Aufmerksamkeit schafft Distanz.

Im Alltag bedeutet das oft einfache Dinge.

Man hält Abstand zu unbekannten Personen, wenn die räumlichen Umstände es erlauben.

Man wählt seinen Platz im öffentlichen Raum bewusst.

Man achtet auf seine Umgebung. Und die Menschen um sich herum.

Man entscheidet selbst, mit wem man seine Zeit verbringt.

Und manchmal bedeutet Distanz schlicht, sich von Menschen, Konflikten oder Situationen fernzuhalten, die spürbar ins Chaos führen.

Distanz ist kein Zeichen von Angst.

Distanz ist ein Zeichen von Verantwortung.

Im Training unterscheiden wir zwischen drei Bereichen.

Grün bedeutet sichere Distanz. Zeit und Handlungsmöglichkeiten sind vorhanden.

Gelb bedeutet eine Distanz, aus der Angriffe bereits möglich werden. Aufmerksamkeit wird wichtiger. Entscheidungen sollten spätestens jetzt getroffen werden.

Rot bedeutet Nahdistanz. Die Situation ist unmittelbar. Handlungsmöglichkeiten werden weniger. Man kann nur noch reagieren. Genau deshalb gilt es, diesen Bereich möglichst zu vermeiden.

Das Ziel ist nicht, in Rot besonders gut zu sein.

Das Ziel ist, möglichst lange in Grün zu bleiben.

Mehr Distanz bedeutet mehr Reaktionszeit.

Mehr Reaktionszeit bedeutet klarere Entscheidungen.

Mehr Distanz reduziert den Überraschungsvorteil eines Angreifers.

Die beste Verteidigung ist oft nicht die Technik, die einen Angriff stoppt.

Die beste Verteidigung ist die Distanz, die verhindert, dass der Angriff überhaupt stattfinden kann.

Notausgang: Distanz.

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