Konflikte vermeiden, Kompromisse eingehen, Frieden bewahren. Das klingt zunächst vernünftig.
Doch im Notfall kann genau diese Haltung gefährlich werden.
Wer kompromissbereit ist, gilt als vernünftig, friedlich und erwachsen.
Wer Konflikte eingeht, wirkt dagegen oft stur, unbequem oder aggressiv.
Kompromisse haben ihre Berechtigung
Natürlich können Kompromisse verhärtete Fronten auflösen.
Natürlich können sie Beziehungen erhalten.
Natürlich gibt es Situationen, in denen ein Kompromiss die beste Lösung ist.
Wenn ein Kompromiss mein Überleben sichert, werde ich ihn jederzeit eingehen.
Das Problem
Viele Menschen verwechseln Kompromissfähigkeit mit Wehrhaftigkeit.
Ein Kompromiss bedeutet immer, dass beide Seiten auf etwas verzichten.
Doch was passiert, wenn nur eine Seite nachgibt?
Was passiert, wenn die eigene Sicherheit, Würde oder körperliche Unversehrtheit gefährdet ist?
Dann wird aus einem Kompromiss eine gefährliche Kapitulation.
Nicht jeder Konfliktpartner will eine Lösung
Eine der gefährlichsten Illusionen besteht darin, anzunehmen, dass jeder Mensch an einer gemeinsamen Lösung interessiert ist.
Das ist nicht immer der Fall.
Einige Menschen wollen nicht verhandeln.
Einige Menschen wollen dominieren.
Einige Menschen wollen verletzen.
Wer bei einem Raubüberfall seine Wertsachen herausgibt, hat bereits einen Kompromiss angeboten.
Trotzdem endet ein Übergriff dadurch nicht automatisch.
Warum?
Weil es dem Täter manchmal nicht nur um Materielles geht.
Manchmal geht es um Macht.
Um Kontrolle.
Um Demütigung.
Um das eigene Ego.
Konfliktfähigkeit statt Konfliktvermeidung
Selbstverteidigung bedeutet deshalb nicht, Konflikte zu suchen.
Aber sie bedeutet, Konflikte aushalten zu können.
Und in Konflikten zu bestehen.
Wer seine Grenzen schützen will, muss akzeptieren, dass andere Menschen diese Grenzen nicht immer respektieren werden.
Ein Nein kann Widerspruch erzeugen.
Eine Grenze kann Ärger auslösen.
Widerstand kann einen Konflikt hervorrufen.
Das macht die Grenze nicht falsch. Sondern sogar notwendig.
Resilienz als Basis
Konfliktfähigkeit braucht Resilienz.
Wer bei jedem Widerstand einknickt, wird seine Grenzen dauerhaft nicht verteidigen können.
Wer hingegen lernt, Unbehagen, Druck und Ablehnung auszuhalten, gewinnt Handlungsspielraum.
Nicht jeder Konflikt muss gewonnen werden.
Aber wir sollten in der Lage sein, einen Konflikt auszuhalten, wenn unsere Sicherheit, Freiheit oder Würde auf dem Spiel stehen.
Denn Konfliktfähigkeit ist trainierbar.