Weniger Angst ist mehr

Selbstverteidigungstraining sollte Ängste reduzieren.

Allerdings kann zunächst genau das Gegenteil eintreten.

Es kann Angst machen.

Vielleicht hast du dich vorher nie ernsthaft mit Gewalt beschäftigt.

Vielleicht hast du noch nie echte Gewalt erfahren.

Vielleicht dachtest du, irgendwie kannst du dich bestimmt wehren.

Vielleicht warst du überzeugt, mir wird schon nichts passieren.

Dann stehst du plötzlich einem Menschen gegenüber, der deutlich größer, schwerer oder stärker als du ist.

Und stellst fest:

Das macht einen gewaltigen Unterschied.

Du trainierst, dich gegen Messerangriffe zu wehren, und erkennst, wie verdammt schlecht deine Chancen sind.

Du erlebst Stress.

Kontrollverlust.

Chaos.

Und plötzlich spürst du deine eigene Verletzlichkeit stärker als vorher.

Das ist ein Dilemma im Selbstverteidigungstraining.

Denn eigentlich sollst du durch das Training weniger Angst haben.

Ich könnte es mir natürlich einfacher machen.

Ich könnte dir Techniken zeigen, die immer funktionieren.

Solange dein Trainingspartner mitspielt.

Ich könnte dir vermitteln, dass du nur lange genug trainieren musst, um irgendwann jede Situation beherrschen zu können.

Ich könnte dir Sicherheit versprechen.

Aber mein Versprechen wäre deine Illusion.

Realistisches Training muss dir jegliche Illusion nehmen.

Es darf dich danach aber nicht mit deiner Angst zurücklassen.

Denn wenn du nach dem Training nur weißt, wie unterlegen du sein kannst, hilft dir das im Ernstfall nicht.

Ich kann dich nur vorbereiten.

Handeln musst du selbst.

Du bleibst verletzlich.

Aber du bleibst nicht wehrlos.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Vielleicht bist du körperlich unterlegen.

Dann trainiere.

Vielleicht kannst du einen Angriff nicht kontrollieren.

Dann trainiere.

Vielleicht kannst du einen Kampf nicht gewinnen.

Dann trainiere weiter.

Nicht, weil sich die Realität verändert.

Sondern weil sich deine Chancen verbessern.

Du kannst lernen, Gefahren früher wahrzunehmen.

Entscheidungen schneller zu treffen.

Grenzen zu setzen.

Zu kämpfen.

Wegzulaufen.

Und du kannst lernen, unter Stress zu reagieren.

Sogar zu agieren.

Es gibt jedoch keine Garantie.

Aber es gibt Handlungsmöglichkeiten.

Und genau darum geht es.

Angst warnt uns.

Macht uns wacher.

Sie kann uns davon abhalten, etwas Gefährliches zu tun.

Aber Angst kann uns auch lähmen.

Sie kann Entscheidungen für uns übernehmen.

Sie kann unseren Handlungsspielraum einschränken.

Deshalb ist das Ziel von Selbstverteidigungstraining nicht, angstfrei zu werden.

Das wäre genauso unrealistisch wie der Glaube, jede Situation kontrollieren zu können.

Der Zweck ist nicht, dir einzureden, dass die Welt ungefährlich sei.

Sondern damit zu leben, dass sie manchmal gefährlich ist.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Aufgaben guten Selbstverteidigungstrainings:

Dir zu zeigen, wie verletzlich du bist.

Ohne dir das Gefühl zu geben, hilflos zu sein.

Dir Grenzen zu zeigen.

Und Möglichkeiten.

Dir keine Sicherheit zu versprechen.

Sondern Handlungsfähigkeit zu vermitteln.

Denn weniger Angst bedeutet nicht mehr Sicherheit.

Es bedeutet mehr Freiheit.

Freiheit, Grenzen zu setzen.

Freiheit, zu gehen.

Freiheit, zu bleiben.

Freiheit, zu handeln.

Weniger Angst ist mehr Freiheit.

Angst ist kein Hindernis. Angst ist ein Hinweis.

Viele Menschen glauben, Mut bedeute, angstfrei zu sein.

Das Gegenteil ist der Fall.

Wer keine Angst mehr spürt, erkennt Gefahren oft zu spät. Angst ist das Warnsignal unseres Systems. Sie macht uns aufmerksam. Sie schärft unsere Wahrnehmung. Sie weist uns darauf hin, dass etwas nicht stimmt.

Angst ergibt Sinn.

Das Problem beginnt dann, wenn deine Angst die Kontrolle übernimmt.

In einer Gefahrensituation reagiert der Mensch nicht immer mit Kampf oder Flucht. Viele Menschen erstarren einfach. Der Körper funktioniert noch, aber der Geist blockiert. Entscheidungen werden nicht getroffen. Handlungen werden nicht ausgeführt. Lebenszeit geht verloren.

Im Notfall kann es den Unterschied zwischen Gesundheit und Verletzung bedeuten.

Deshalb besteht Selbstverteidigung nicht darin, Angst zu eliminieren.

Sie besteht darin, Angst auszuhalten und handlungsfähig zu bleiben.

Wer Selbstverteidigung trainiert, trainiert nicht nur Techniken. Er trainiert auch den Umgang mit Stress, Druck und Unsicherheit. Er lernt, die eigene Angst anzunehmen und zu kontrollieren.

Angst darf lenken.

Sie darf warnen.

Sie darf die Aufmerksamkeit erhöhen.

Aber sie darf nicht das Ruder völlig übernehmen.

Mahatma Gandhi formulierte es treffend:

„Fear has its use, but cowardice has none.“

Angst hat ihren Nutzen.

Feigheit keinen.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, was wir aus unserer Angst machen. Akzeptieren wir sie als Hinweis auf eine Gefahr? Oder lassen wir zu, dass sie uns lähmt?

Absolute Furchtlosigkeit ist weder realistisch noch erstrebenswert.

Handlungsfähigkeit trotz Angst hingegen schon.

Wer seine Angst akzeptiert, versteht und kontrollieren lernt, kann noch handeln, wenn es zählt.

Auch das ist Selbstverteidigung:
Entweder kontrolliert die Angst dich, oder du kontrollierst deine Angst.

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