Demut vor Hochmut

Du kannst schlauer.

Stärker.

Schneller.

Besser trainiert sein.

Und trotzdem kannst du verlieren.

Hochmut kommt vor dem Fall.

Vielleicht ist dein Gegenüber stärker, als du vermutest.

Vielleicht hat er eine Waffe.

Vielleicht ist er nicht allein.

Vielleicht überschätzt du einfach deine Fähigkeiten.

Demut bedeutet nicht, dich kleiner zu machen, als du bist.

Sondern dich nicht größer zu machen, als du bist.

Du musst niemandem etwas beweisen.

Du musst nicht auf jede Provokation reagieren.

Du musst dich nicht auf jeden Konflikt einlassen.

Und du musst dich schon gar nicht auf eine körperliche Auseinandersetzung einlassen.

Im zivilen Selbstschutz geht es nicht darum, überlegen zu sein.

Es geht ausschließlich um Schadensminimierung.

Manchmal bedeutet das, sich zu wehren.

Manchmal nachzugeben.

Manchmal wegzugehen.

Und manchmal schlicht nichts zu machen.

Das ist keine Schwäche.

Sondern deine Entscheidung.

Wer sich selbst überschätzt, riskiert mehr als notwendig.

Mehr Demut. Weniger Risiko.

Wage mehr Demut!

Wut verliert

Wut ist ein starkes Gefühl.

Wut kann dich beherrschen.

Und Wut kann dich blind machen.

Das kann im Notfall verdammt gefährlich werden.

Wenn du wütend bist, unterwirfst du dich vielleicht nur noch diesem Gefühl.

Du willst Rache.

Du suchst den Kampf.

Vielleicht willst du deinem Gegenüber dann wehtun.

Deine Wut ist allerdings keine erfolgversprechende Strategie.

Und schon gar kein Selbstverteidigungskonzept.

Wer wütend wird, riskiert, den Überblick zu verlieren.

Die Wahrnehmung verengt sich.

Entscheidungen werden impulsiver.

Aus einem Konflikt, den du vielleicht hättest vermeiden können, wird plötzlich eine körperliche Auseinandersetzung.

Und aus einer körperlichen Auseinandersetzung möglicherweise ein Kampf ums Überleben.

Nur weil deine Emotionen dein Handeln bestimmen.

Dabei ist es vollkommen egal, ob deine Wut berechtigt ist.

Natürlich darfst du wütend werden.

Wenn jemand dich bedroht.

Wenn jemand Opfer sucht.

Wenn jemand deinem Kind etwas tun will.

Aber deine Wut darf nicht dein Handeln bestimmen.

Dein Ziel entscheidet. Nicht deine Emotion.

Und das Ziel im zivilen Selbstschutz ist immer, einen Notfall möglichst unbeschadet zu überstehen.

Indem du eine gefährliche Situation möglichst schnell verlässt.

Manchmal bedeutet das, einfach nachzugeben.

Manchmal bedeutet es, schnell wegzulaufen.

Manchmal bedeutet es, dich mit aller notwendigen Konsequenz zu wehren.

Wut jedoch kann dich dazu bewegen, weiterzumachen, obwohl du längst flüchten könntest.

Vielleicht willst du deinem Gegenüber noch eine Lektion erteilen.

Du verlängerst damit eine ohnehin brenzlige Situation.

Und riskierst dabei deine Gesundheit oder sogar dein Leben.

Selbstverteidigung ist keine Bestrafung.

Es geht nicht darum, Recht zu behalten.

Es geht nicht darum, Überlegenheit zu demonstrieren.

Und es geht schon gar nicht darum, deine Wut herauszulassen.

Dafür trainieren wir nicht.

Wir trainieren, um auch unter enormem Stress weiterhin handlungsfähig zu bleiben.

Um tatsächlich wahrzunehmen, was um uns herum geschieht.

Um zu entscheiden, wie wir am ehesten unbeschadet und schnell aus der Gefahrensituation kommen.

Dazu entwickeln wir im Training Automatismen.

Handlungen, die wir so oft trainiert haben, dass wir sie reflexartig abrufen können.

Kalte, emotionslose Automatismen.

Denn im Notfall benötigen wir vor allem einen klaren Kopf.

Selbst die beste Technik nützt uns wenig, wenn wir vor lauter Emotionen gar nicht mehr erkennen, wann wir sie einsetzen sollten.

Angst, Wut und andere Emotionen gehören zum Menschsein.

Wir können unsere Empfindungen nicht verhindern.

Aber wir können trainieren, uns nicht mehr von ihnen beherrschen zu lassen.

Selbstverteidigung bedeutet, die Kontrolle zu behalten.

Und deshalb verliert Wut.

Alles ist Scheiße!

Na und?

Manchmal ist es einfach so wie es ist.

Nicht ein bisschen.

Nicht nur eine Kleinigkeit.

Sondern wirklich Alles.

Du bist müde.

Du bist erschöpft.

Du bist krank.

Du bist verletzt.

Du bist ängstlich.

Oder du hast einen Fehler gemacht.

Beziehungsweise jemand hat einen folgenschweren Fehler gemacht, den du ausbaden musst.

Etwas ist passiert, das du nicht mehr rückgängig machen kannst.

Du kannst dich ärgern.

Du kannst jammern.

Du magst dir vielleicht sogar wünschen, dass es anders gelaufen wäre.

Ist es aber nicht.

Es ist, wie es ist.

Scheiße.

Und das musst du zunächst akzeptieren.

Nicht gutheißen.

Nicht schönreden.

Nicht dauerhaft tolerieren.

Akzeptieren.

Denn diese Realität ist unabänderlich.

Wie im Leben.

So auch in der Selbstverteidigung.

Wenn dein Gegenüber größer ist, ist es größer.

Wenn es stärker ist, ist es stärker.

Wenn du verletzt bist, bist du verletzt.

Wenn du Angst hast, hast du Angst.

Wenn du keinen Ausweg findest, hast du keinen Ausweg.

Wenn du einen Fehler gemacht hast, hast du einen Fehler gemacht.

Und wenn dein Gegenüber ein Messer hat, hast du ein lebensbedrohliches Problem.

Du kannst dir in diesem Moment eine andere Realität herbeisehnen.

Du bekommst sie allerdings nicht serviert.

Also musst du akzeptieren, was ist. Aber du musst es nicht dauerhaft tolerieren.

Denn akzeptieren bedeutet nicht erdulden.

Du musst dich nicht damit abfinden.

Du musst nicht darauf warten, dass jemand anderes etwas verändert.

Du musst der Realität nicht zustimmen.

Du musst dich dieser Realität stellen.

Du musst reagieren.

Vielleicht kannst du nicht alles gleich verändern.

Vielleicht kannst du gerade nur einen kleinen Teil verändern.

Vielleicht kannst du im Moment überhaupt nichts verändern.

Auch das musst du akzeptieren.

Aber sobald du handeln kannst, entscheidest du, wie du aus dieser Situation kommst.

Du kannst nur mit dem arbeiten, was da ist.

Mit deinen individuellen Möglichkeiten.

Mit deinen persönlichen Fehlern.

Mit deiner eigenen Angst.

Mit deinen körperlichen und seelischen Verletzungen.

Mit deiner aktuellen beschissenen Ausgangslage.

Es wird nicht besser, nur weil es so nicht sein dürfte.

Alles ist also scheiße?

Na und!

Dann musst du halt deine Scheißsituation akzeptieren.

Es gibt gerade keine andere Option.

Zumindest solange, bis nicht mehr alles scheiße ist.

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