Feinde müsst ihr sein. Freunde dürft ihr bleiben.

Trainierende – Freund und Feind zugleich.

Ihr lernt miteinander.

Ihr lernt voneinander.

Und ihr tragt Verantwortung füreinander.

Als Freunde unterstützt ihr euch.

Als Feinde fordert ihr euch.

Ein guter Trainingspartner unterstützt euch nicht dabei, erfolgreich zu sein, sondern zu scheitern.

Damit hilft er euch, besser zu werden.

Er muss angreifen.

Richtig.

Konsequent.

Intensiv.

Mit Druck.

Ohne zielgerichteten Angriff keine funktionale Abwehr.

Ein Griff muss ein Griff sein.

Eine Umklammerung eine Umklammerung.

Ein Würger ein Würger.

Ein Schlag ein Schlag.

Ein Tritt ein Tritt.

Widerstand, der verschwindet, sobald ihr euch verteidigt, fordert euch nicht heraus.

Wer nur mitspielt, hilft seinem Trainingspartner nicht.

Im Training fordere ich deshalb häufig:

Ihr wollt euren Trainingspartner wiedersehen.

Also greift ihn jetzt richtig an.

So bereitet ihr ihn besser auf den Ernstfall vor.

Das bedeutet nicht, rücksichtslos zu trainieren.

Im Gegenteil.

Ein guter Feind braucht Kontrolle.

Er muss einschätzen können, wie viel Kraft, Geschwindigkeit, Widerstand und Druck sein Trainingspartner verträgt.

Er muss attackieren, ohne unnötig zu gefährden.

Das kann man lernen.

Regelmäßig Trainierende sind deshalb häufig die besseren Feinde.

Sie sind ruhiger.

Sie sind kontrollierter.

Sie können Intensität besser dosieren.

Und sie sind häufig auch die besseren Freunde.

Denn sie übernehmen Verantwortung für ihr Gegenüber.

Regelmäßiges Training verbessert deshalb nicht nur eure Fähigkeit, euch selbst zu verteidigen.

Es verbessert auch eure Fähigkeit, anderen gutes Training zu ermöglichen.

Jeder Trainierende bringt unterschiedliche Trainingsreize mit.

In kleinen, möglichst homogenen Gruppen lässt sich sehr fokussiert trainieren.

Ähnliche Voraussetzungen ermöglichen angepasste Intensität, individuelle Entwicklung und unmittelbare Korrektur.

Größere, heterogene Gruppen bieten etwas anderes.

Vielfalt.

Homogenität ermöglicht gezieltes Lernen.

Heterogenität schafft ungewohnte Herausforderungen.

Ein guter Trainierender lernt und lässt lernen.

Der Trainingspartner muss zum Trainingsziel passen.

Trainierende trainieren Trainierende.

Als Freunde.

Und als Feinde.

Feinde müsst ihr sein. Im Training.

Freunde dürft ihr bleiben. Im Leben.

Trainer trainieren Trainierende. Trainierende trainieren Trainer.

Trainer vermitteln Wissen, schaffen Lernräume, stellen Aufgaben, beobachten, korrigieren und setzen neue Reize. Sie bringen eigene Erfahrung mit und helfen anderen Menschen dabei, neue Fähigkeiten zu entwickeln.

Aber Training funktioniert auch in die andere Richtung.

Trainierende trainieren Trainer.

Zumindest dann, wenn der Trainer offen dafür ist, sich und sein Können zu reflektieren.

Menschen sind nicht standardisiert

Menschen sind individuell verschieden.

Sie unterscheiden sich in Größe, Gewicht, Kraft und Beweglichkeit. Sie lernen unterschiedlich schnell, nehmen Situationen unterschiedlich wahr und reagieren unter Belastung unterschiedlich. Sie bringen unterschiedliche Erfahrungen, Ängste, Fähigkeiten und Grenzen mit.

Gerade in der Selbstverteidigung ist das entscheidend. Eine Technik kann für einen selbst auf der Matte hervorragend funktionieren und bei einem anderen Menschen an ihre Grenzen kommen oder im konkreten Fall sogar scheitern.

Dann wird es interessant.

Der Trainer kann feststellen, dass der Trainierende die Technik nicht richtig ausführt.

Oder er kann sich fragen:

Warum funktioniert das, was ich vermittle, bei diesem Menschen nicht?

Die erste Frage kann vollkommen berechtigt sein.

Die zweite darf trotzdem nicht fehlen.

Wenn es nicht funktioniert, beginnt die Entwicklung

Talentierte Trainierende machen es Trainern manchmal erstaunlich einfach.

Sie beobachten eine Bewegung, probieren sie aus und können sie umsetzen. Vielleicht bringen sie bereits Erfahrung, gute körperliche Voraussetzungen oder eine schnelle Auffassungsgabe mit.

Alles funktioniert.

Schwieriger und gleichzeitig wertvoller für die eigene Entwicklung sind die Trainierenden, bei denen genau das nicht passiert.

Diejenigen, die eine Bewegung nicht einfach übernehmen können. Die anders reagieren als erwartet. Die für ein vermeintlich einfaches Problem keine der vorgesehenen Lösungen umsetzen können.

Genau sie stellen unsere Methodik auf die Probe.

Besonders viel lernen wir von den Trainierenden, bei denen unsere bisherigen Antworten nicht funktionieren.

Vielleicht war unsere Erklärung schlecht.

Vielleicht war die Übung ungeeignet.

Vielleicht gingen wir von körperlichen Voraussetzungen aus, die dieser Mensch nicht besitzt.

Vielleicht funktioniert diese Technik im Training nur deshalb so zuverlässig, weil die anderen Trainierenden mitspielen.

Vielleicht haben wir selbst etwas übersehen.

Und vielleicht müssen wir akzeptieren, dass eine Methode, von der wir lange überzeugt waren, nicht so universell funktioniert, wie wir gedacht haben.

Das kann unangenehm sein.

Es ist aber Teil der methodischen Weiterentwicklung unseres Trainings.

Kein System ist absolut

Problematisch wird es, wenn Trainer aufhören, sich selbst zu hinterfragen.

Mit wachsender Erfahrung entsteht leicht Gewissheit. Man hat unzählige Trainingsstunden absolviert, Seminare besucht und vielleicht selbst seit vielen Jahren unterrichtet. Die eigene Methodik hat sich etabliert. Die Antworten auf alle Fragen scheinen vorhanden.

Irgendwann kann aus Erfahrung Gewissheit werden.

Und aus Gewissheit Absolutheit.

„Nur unser System funktioniert.“

Damit verändert sich der Blick. Die Entwicklung steht still.

Was vorher eine interessante Abweichung war, wird zum Fehler des Trainierenden. Was nicht in die eigene Methode passt, wird passend gemacht, abgewertet oder ignoriert.

Das System wird nicht mehr am Trainierenden überprüft.

Der Trainierende wird am System gemessen.

In der Selbstverteidigung ist das der falsche Weg.

Denn die Realität interessiert sich nicht dafür, wie lange jemand trainiert hat, welche Gürtelfarbe jemand trägt oder wie sein System heißt.

Sie interessiert sich auch nicht dafür, wie eine Technik eigentlich funktionieren sollte.

Erfahrung ist kein Endpunkt

Erfahrung allein garantiert keine Entwicklung.

Zwanzig Jahre Training können zwanzig Jahre Entwicklung bedeuten.

Sie können aber auch bedeuten, dass jemand ein Jahr Erfahrung zwanzigmal wiederholt hat.

Deshalb gehört zum Trainersein mehr als das Vermitteln dessen, was man bereits weiß.

Andere Ansätze beobachten. Fragen stellen. Eigene Überzeugungen überprüfen. Neue Erkenntnisse aufnehmen. Dinge ausprobieren. Verwerfen. Verändern.

Und vor allem:

die Trainierenden beobachten.

Denn jeder Trainierende liefert Informationen darüber, was unser Training tatsächlich bewirkt.

Nicht theoretisch.

Nicht innerhalb unseres Systems.

Sondern bei echten Menschen.

Trainer trainieren Trainierende. Trainierende trainieren Trainer.

Selbstverteidigungstraining ist keine Einbahnstraße.

Der Trainer setzt einen Reiz. Der Trainierende reagiert darauf. Diese Reaktion liefert neue Erkenntnisse. Ein guter Trainer nimmt sie wahr und verändert, wenn nötig, Aufgabe, Erklärung, Intensität oder Methode.

So entwickelt sich der Trainierende.

Und so entwickelt sich auch der Trainer weiter.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Fähigkeiten eines Trainers:

nicht nur Antworten zu geben, sondern zu erkennen, wann die eigenen Antworten nicht mehr ausreichen.

Denn ein Trainer, der aufgehört hat zu lernen, kann weiterhin unterrichten.

Er entwickelt sich nur nicht mehr weiter.

Und ein Selbstverteidigungssystem, das sich nicht weiterentwickelt und als absolut dargestellt wird, verteidigt am Ende nur noch sich selbst.

Der Körper spricht

Vor dem ersten Wort spricht der Körper.

Wir teilen uns ständig mit.

Mit unserer Haltung.
Mit unserem Blick.
Mit unserer Gestik.
Mit unserer Mimik.
Mit unserer Atmung.
Mit jeder Bewegung.

Andere Menschen nehmen diese Signale wahr.

Meist bevor wir es selbst realisieren.

Sie erkennen Unsicherheit.
Selbstvertrauen.
Anspannung.
Offenheit.
Ablehnung.
Zuwendung.

Auch Menschen mit schlechten Absichten lesen unsere Körpersprache.

Und reagieren darauf.

Wer Körpersprache versteht, erkennt Entwicklungen häufig früher.

Und wer den eigenen Körper besser versteht, kann bewusst Signale senden.

Körpersprache ist kein Talent.

Wie jede Sprache kann man sie lernen zu lesen und zu sprechen.

Denn selbstbewusste Körpersprache ist Selbstverteidigung.

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