Trainer vermitteln Wissen, schaffen Lernräume, stellen Aufgaben, beobachten, korrigieren und setzen neue Reize. Sie bringen eigene Erfahrung mit und helfen anderen Menschen dabei, neue Fähigkeiten zu entwickeln.
Aber Training funktioniert auch in die andere Richtung.
Trainierende trainieren Trainer.
Zumindest dann, wenn der Trainer offen dafür ist, sich und sein Können zu reflektieren.
Menschen sind nicht standardisiert
Menschen sind individuell verschieden.
Sie unterscheiden sich in Größe, Gewicht, Kraft und Beweglichkeit. Sie lernen unterschiedlich schnell, nehmen Situationen unterschiedlich wahr und reagieren unter Belastung unterschiedlich. Sie bringen unterschiedliche Erfahrungen, Ängste, Fähigkeiten und Grenzen mit.
Gerade in der Selbstverteidigung ist das entscheidend. Eine Technik kann für einen selbst auf der Matte hervorragend funktionieren und bei einem anderen Menschen an ihre Grenzen kommen oder im konkreten Fall sogar scheitern.
Dann wird es interessant.
Der Trainer kann feststellen, dass der Trainierende die Technik nicht richtig ausführt.
Oder er kann sich fragen:
Warum funktioniert das, was ich vermittle, bei diesem Menschen nicht?
Die erste Frage kann vollkommen berechtigt sein.
Die zweite darf trotzdem nicht fehlen.
Wenn es nicht funktioniert, beginnt die Entwicklung
Talentierte Trainierende machen es Trainern manchmal erstaunlich einfach.
Sie beobachten eine Bewegung, probieren sie aus und können sie umsetzen. Vielleicht bringen sie bereits Erfahrung, gute körperliche Voraussetzungen oder eine schnelle Auffassungsgabe mit.
Alles funktioniert.
Schwieriger und gleichzeitig wertvoller für die eigene Entwicklung sind die Trainierenden, bei denen genau das nicht passiert.
Diejenigen, die eine Bewegung nicht einfach übernehmen können. Die anders reagieren als erwartet. Die für ein vermeintlich einfaches Problem keine der vorgesehenen Lösungen umsetzen können.
Genau sie stellen unsere Methodik auf die Probe.
Besonders viel lernen wir von den Trainierenden, bei denen unsere bisherigen Antworten nicht funktionieren.
Vielleicht war unsere Erklärung schlecht.
Vielleicht war die Übung ungeeignet.
Vielleicht gingen wir von körperlichen Voraussetzungen aus, die dieser Mensch nicht besitzt.
Vielleicht funktioniert diese Technik im Training nur deshalb so zuverlässig, weil die anderen Trainierenden mitspielen.
Vielleicht haben wir selbst etwas übersehen.
Und vielleicht müssen wir akzeptieren, dass eine Methode, von der wir lange überzeugt waren, nicht so universell funktioniert, wie wir gedacht haben.
Das kann unangenehm sein.
Es ist aber Teil der methodischen Weiterentwicklung unseres Trainings.
Kein System ist absolut
Problematisch wird es, wenn Trainer aufhören, sich selbst zu hinterfragen.
Mit wachsender Erfahrung entsteht leicht Gewissheit. Man hat unzählige Trainingsstunden absolviert, Seminare besucht und vielleicht selbst seit vielen Jahren unterrichtet. Die eigene Methodik hat sich etabliert. Die Antworten auf alle Fragen scheinen vorhanden.
Irgendwann kann aus Erfahrung Gewissheit werden.
Und aus Gewissheit Absolutheit.
„Nur unser System funktioniert.“
Damit verändert sich der Blick. Die Entwicklung steht still.
Was vorher eine interessante Abweichung war, wird zum Fehler des Trainierenden. Was nicht in die eigene Methode passt, wird passend gemacht, abgewertet oder ignoriert.
Das System wird nicht mehr am Trainierenden überprüft.
Der Trainierende wird am System gemessen.
In der Selbstverteidigung ist das der falsche Weg.
Denn die Realität interessiert sich nicht dafür, wie lange jemand trainiert hat, welche Gürtelfarbe jemand trägt oder wie sein System heißt.
Sie interessiert sich auch nicht dafür, wie eine Technik eigentlich funktionieren sollte.
Erfahrung ist kein Endpunkt
Erfahrung allein garantiert keine Entwicklung.
Zwanzig Jahre Training können zwanzig Jahre Entwicklung bedeuten.
Sie können aber auch bedeuten, dass jemand ein Jahr Erfahrung zwanzigmal wiederholt hat.
Deshalb gehört zum Trainersein mehr als das Vermitteln dessen, was man bereits weiß.
Andere Ansätze beobachten. Fragen stellen. Eigene Überzeugungen überprüfen. Neue Erkenntnisse aufnehmen. Dinge ausprobieren. Verwerfen. Verändern.
Und vor allem:
die Trainierenden beobachten.
Denn jeder Trainierende liefert Informationen darüber, was unser Training tatsächlich bewirkt.
Nicht theoretisch.
Nicht innerhalb unseres Systems.
Sondern bei echten Menschen.
Trainer trainieren Trainierende. Trainierende trainieren Trainer.
Selbstverteidigungstraining ist keine Einbahnstraße.
Der Trainer setzt einen Reiz. Der Trainierende reagiert darauf. Diese Reaktion liefert neue Erkenntnisse. Ein guter Trainer nimmt sie wahr und verändert, wenn nötig, Aufgabe, Erklärung, Intensität oder Methode.
So entwickelt sich der Trainierende.
Und so entwickelt sich auch der Trainer weiter.
Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Fähigkeiten eines Trainers:
nicht nur Antworten zu geben, sondern zu erkennen, wann die eigenen Antworten nicht mehr ausreichen.
Denn ein Trainer, der aufgehört hat zu lernen, kann weiterhin unterrichten.
Er entwickelt sich nur nicht mehr weiter.
Und ein Selbstverteidigungssystem, das sich nicht weiterentwickelt und als absolut dargestellt wird, verteidigt am Ende nur noch sich selbst.
